Regensburger Tagebuch

Notizen von der nördlichsten Stadt Italiens

Mittwoch, 3. Juni 2015

Alles Gute zum Geburtstag, Fabian


Mein Sohn Fabian Burkes Munoz  hat heute Geburtstag.

Und außerdem ist er  gerade dabei, sein Studium an der Kunstakademie Wien abzuschließen und sich auf das Refrendariat an einer Wiener Schule vorzubereiten.  Die schriftliche Arbeit "But I want objects" ist bereits mit Eins benotet.  Auch dafür gratulieren wir. Die nächsten Tage kommt die mündliche Präsentation.

Fabian Burkes, an der Akademie in Wien 2014



Und dann anschließend etwas ganz Wunderbares: Fabian Burkes darf seine gesellschafts- und kunstkritische Installation "Pest Cocktail"  in der legendären privaten Essl-Museum zeigen. Er wurde dort zu seiner eigenen Überraschung sehr bereitwillig und mit offenen Armen akzeptiert.

Die Sammlung Essl ist eine von dem österreichischen Unternehmer Karlheinz Essl senior (* 1939) und seiner Frau Agnes zusammengetragene Sammlung mit Werken der zeitgenössischen Kunst. Das in Klosterneuburg bei Wien eigens dafür errichtete und am 5. November 1999 eröffnete Essl Museum entwarf der Architekt Heinz Tesar. Die Privatsammlung ist mit fast 7.000 Werken (Stand Februar 2011) eine der größten Österreichs. Sie umfasst  Kunstwerke des 20. und des beginnenden 21. Jahrhunderts

Die Anfänge



Das waren noch Zeiten, als wir im frisch ausgebauten Dachboden unser gemeinsames Atelier einrichteten und auch ernsthaft arbeiteten. Ich war gerade von Aquarell auf Acryl übergegangen. Fabian arbeitete parallel dazu an seiner Bewerbungsmappe für die Uni Regensburg.


Fabian Burkes im Garten in der Blumenstraße, Regensburg


Nach ersten Studien-Experimenten hat er nämlich seine Berufung und Mission erkannt: er will etwas mit Kindern machen und ihnen die Freude an der Kunst beibringen. Etwas, was man ihm im Kunstunterricht  beinahe ausgetrieben hätte. Diese Mission hat mich sehr beeindruckt und überzeugt.

2007: Ich arbeite an Werken zur bevorstehenden Ausstellung "All thats Jazz" während Fabian an seiner Bewerbungsmappe für die Uni Regensburg sitzt.

In den Jahren danach war das Atelier voller Leben, wenn  Fabian und seine Regensburger Kommilitonen dort übten:








Dann merkten er und seine ebenfalls Kunst-Lehramt studierende Freundin, dass er mit dem Abschluss an der UNI Regensburg wenig Möglichkeiten hat. Ein Lehramt am Gymnasium wäre nicht möglich gewesen.  In Frage kämen München und Berlin, am Ende aber gingen er und seine Freundin nach Wien. Dort musste er allerdings wieder komplett von vorne beginnen, da keine Anrechnungen möglich waren. Andererseits geht dort die Ausbildung insgesamt schneller

Kunstakademie Wien, Abteilung von Prof. D. Richter


Nach seinem Weggang nach Wien habe ich ihn im Atelier sehr vermisst. Ich habe das Atelier  auch kaum mehr zum Malen benutzt, erst  später wieder beim Rahmen von Fotografien für Ausstellungen.




Besuch in Regensburg -  Hund und Katze hatten ihn ins Herz geschlossen.




 Als ich mir 2008 nach 30 Jahren Analogfotografie das erste mal eine Digital-Spiegelreflexkamera zulegte, musste ich feststellen, dass er mehr Talent als ich besaß. Innerhalb kürzester Zeit hatte er fortschrittliche Experimente gemacht und geniale Fotos geschossen.

Ich meine - ich hatte als 16jähriger  Fotokurse besucht, Foto-Sachbücher gewälzt, mich mit anderen Hobbyfotografen ausgetauscht, Fotomagazine verschlungen und im Fotolabor Bilder selbst vergrößert - aber so schnell wie ER den Bogen raus hatte, blieb ich sprachlos. Ich schenkte ihm dann diesselbe Kamera die ich hatte.






Kurz darauf, bei einer Besuchsfahrt nach Regenstauf, hielt er beim DEZ an und lief mit der Kamera rüber zur Kleingartenanlage, die sich gerade im Abriss befand. Dort waren also nur noch Ruinen. Er machte so nebenbei eine der wunderschönsten Foto-Serien, die ich auf meinem PC habe. Das bei schlechtem Wetter! Und er hatte damals gerade erst mit dem Fotografieren angefangen - was für eine Blamage für mich.





Die Zeit in Wien


Eine der Gebäude der Kunstakademie Wien, eine ehemalige Schule im Jugendstil

Wien
Im höchsten Hochhaus in Wien - anlässlich einer Kunstaktion der Akademie, 2014


In den ersten Semestern arbeitete er nebenher an seiner Techniken - Acryl, Öl, Zeichnungen, Grafik, Radierungen, Skulpturen.







Gelegentlich machte er mit einem Freund Filme - etwas, das die beiden schon vor dem Studium begonnen hatten. Die Filme wurden mit selbst erstellter Musik vertont. Einen der Kurzfilme habe ich gesehen - ich fragte, ob sie den Film nicht bei einem Wettbewerb einsenden wolle, der sei doch hervorragend. Aber das hat die beiden nicht weiter interessiert. Sie wollten nur kreativ sein. Das gefiel mir.


Grafik von Fabian Burkes aus Ausstellung Hop on Hop off in Wien

Ausstellung Hop on Hop off in Wien



Im Laufe der Zeit entwickelte Fabian Burkes seine heutigen und völlig neuen Schwerpunkte, z.B. Konzeptkunst, oder workshops mit Kindern.

Von Fabian Burkes und Anna Graf  organisierte Kunstaktion unter Einbzug der örtlichen Schulkinder
während eines Auslandssemesters in Australien



Fabian  hat die Studienzeiten intensiv genutzt. Er belegte stets mehr Kurse als notwendig und versuchte sich nebenher so viel Wissen wie möglich anzueignen. Dazwischen musste er jobben. Zum Glück hat seine  Freundin Anna Graf diesselbe Einstellung und dasselbe Engagement beim Studium.


Wien hat zwei Kunstakademien, an denen  man das Lehramt studieren kann.  Die etwas gängigere Akademie für angewandte Kunst, und die mehr theoretisch orientierte Akademie der bildenden Künste. Fabian und Anna Graf  hatten sich für ein Lehramt an letzterer entschieden. Im Laufe der Zeit zeigten sich die Vor- und Nachteile. So einiges an praktischem Wissen muss man sich hier nebenher zusätzlich aneignen, man wird auch nicht so intensiv in die Szene "eingeführt". Andererseits ist es eben auch ein Studium in klassischem Sinne - also verbunden mit geister Auseinandersetzung mit dem Thema und nicht nur Technik und Anwendung im Kunstunterricht.

Die Auslandssemester


Was den beiden sehr sehr viel gebracht hat sind die Auslandsemester in der Türkei und später nochmal in Australien und andere Reisen. Diese Aufenthalte haben sie sehr intensiv genutzt, weit über das Notwendige hinaus. Sie haben viel gelernt, interessante Kontakte geschlossen und die Kunstszenen erkundet.

In Australien organisierten sie während eines Aufenthaltes auf einem Wild-Reservat  ein Kunstprojekt mitsamt workshops - in Zusammenarbeit mit dem Reservatsleiter,  mit ortsansässigen Künstlern, Galerien  und Schülern vom nächsten Ort.



Die Aktion erfolgte außerhalb des Studiums, als Idee zwischendurch, und wurde sehr erfolgreich. Sie entwickelten zusammen mit den Beteiligten das  Konzept, sprachen mit Bürgermeister, Galeristen und Künstlergruppen im nächsten Ort an und brachten das Ganze ins Laufen. Für das Reservat, das "Little Desert Lodge", sollte es auch eine kleine Marketingaktion sein. Und um dieses Marketing kümmerten sich die beiden persönlich - ganz im Sinne ihrer Ausbildung, nicht nur Bilder zu malen.




Die Bilder mussten  sie übrigens in einer für sie neuen Technik erstellen: Die Sandart-Methode der Aborigines. Dazu muss aus örtlichen erdigen Materialien die Farbpigmente gewonnen werden und in einer Art und Weise schichtartig auf die Leinwand aufgetragen werden. So lernten sie auch diese Techniken kennen und entwickelten eigene Varianten





Mit den örtlichen Künstlern besteht bis heute (auch für mich) eine freundschaftliche Beziehung via Internet.





Auslandssemester in der Türkei


Natürlich gab es nicht nur Ausstellungen im Ausland, sondern auch in Wien


Beispiel für Ausstellungen in Wien



Seine Kunstfigur "Flying Sanchez", die er irgendwann mal erfunden und über die Jahre hinweg weiter verfolgt hat, blieb angesichts der Eifers, den er in das Studium legte, leider etwas auf der Strecke. Ich wollte immer, dass er hier mehr draus macht. Ich hoffe, er ist nicht sauer, wenn ich die Figur hier - unter Verstoß gegen jegliches Urheberrecht - einfach mal präsentiere.







Flying Sanchez (von Fabian Burkes)





Geheimnisse aus seinem  Vorleben



Lange vor dem Studium, etwa um 1997 bis 2000 herum, beschäftigte er sich intensiv mit der Graffiti-Kunst. Angeblich nur als Beobachter (na, wer weiß).

Er kaufte und wünschte sich Bücher über Graffitti, machte dokumentarische Fotos von Graffittis in Regensburg und entwickelte und pflegte auf dem Papier immer wieder eigene Graffitti-Schriftfonts.

Letzteres faszinierte mich sehr. Fabian erklärte mir die Fonts und ihren Aufbau. Ich hatte mich schon von jeher für Kalligrafie interessiert, und als PC-Nutzer auch für die  Entwicklung und Gestaltung von Schriftfonts, und so hatte Auge und Ohr für die Feinheiten bei der Entwicklung von solchen Fonts.

Als ich 2007 das Tryptichon "Subway Jazz" für die Ausstellung "All thats Jazz" malte, bat ich ihn, den Entwurf den Graffitti-Schriftzug "Free" (für Free-Jazz) für das mittlere Bild zu entwerfen und mir zu zeigen, wie andere Graffitti-Schriften aussehen. Diesen Entwurf setzte ich dann um. Es soll den Blick aus dem Fenster einer U-Bahn in eine U-Bahn-Station zeigen und die Musiker-Namen und Kommentare an der Wand haben konkrete Bedeutungen.

Ich habe leider keine guten Fotos von diesem Bild, weil es schon am ersten Tag verkauft wurde. Es war auch tatsächlich mein absolutes Lieblingsbild.




HTML und Co


Als ich 1998 anfing, mich in HTML einzuarbeiten und Webseiten zu entwickeln, faszinierte ihn das auch und er ließ sich die Grundzüge zeigen. Ohne meine Mithilfe entwickelte er eine eigene Webseite über Graffitti in Regensburg, die er auf einem Bereich unseres Servers im Internet installierte. Ich war platt, als ich das Ding sah - ausgeklügelt und mit eigenen Graffitti-Schriftfont-Menü-Buttons. Ich hätte es vom Design her nicht besser machen könnten.

Nur musste ich ihn darauf hinweisen, dass die Seiten auf einem fremden PC verhackstückt rauskommen, weil nicht alle User die Spezial-Schriftfonts auf ihrem PC installiert haben wie auf dem PC von uns. Der PC bzw. der Browser nimmt dann eine Standardschriftart, und das Design ist zerstört. Er fing dann an, aus den Schrift-Menüpunkten und Texten Grafiken zu erstellen und nahm die bisherige Seite leider vom Netz. Vor kurzem erzählte er mir, dass er tatsächlich die Seitenkomplett neu programmiert hatte, aber hatte keine Motivation, sie nochmals ins Netz zu stellen. Schade, ich habe nicht mal einen Screenshot.

Aber das ist auch nicht so wichtig. Denn viel wichtiger als Kunstwerke ist die Kreativität als solche, das Kreativsein. Und das hat er erkannt. Hinzu kommt seine Leidenschaft für das Kunstpädagogische, also die Förderung der Kunst bei Kindern und Jugendlichen. Förderung nicht im Sinne der Technik - das würden wohl ehrgeizige Eltern so verstehen - sondern Förderung des Kreativseins als solcher, des Interesses an der kunst, des Verständnisses für die vielen Kunstformen, der positiven Wirkungen der Kunst nicht nur für den Sammler und Käufer, sondern auch für den Schaffenden, ja bis hin zu seinen heilenden Kräften. Schon für die alten Griechen aber auch für die Renaissance-Gelehrten war die künstlerische Betätigung ein Teilaspekt zur Persönlichkeitsbildung.

Da Vinci - ein Gelehrter im klassischen Sinne, studierte die üblichen Bereiche, die man heute Mathematik, Medizin, Physik etc bezeichnet, forschte selbst, und arbeitete eben auch künstlerisch, wobei Mathematik, Physik und Optik mit eingebunden wurde. Und dieses Rundumpaket bei der klassischen Bildung diente, wie schon im alten Japan und China oder im alten Griechenland oder im Orient oder bei den Römern: der Persönlichkeitsbildung.

Insofern freut er sich auf das Refrendariat, das er ebenfalls in Wien machen wird, und die anschließende Lehrtätigkeit. Nebenher will er sich allerdings als freier Künstler betätigen.

 Seine eigene Homepage  ist sehr schlicht. Er hat sie vor ein paar Jahren erstellt und sie läuft auf meinen Rat hin - wie das Tagebuch auch - auf blogspot-Basis statt auf Wordpress oder eigenem CMS.

Er hatte die Vorlage vollkommen entkernt und sein eigenes HTML-Gerüst aufgebaut. Das hat mich erstaunt, denn ich wusste nicht, dass er noch soviel Programmier-KnowHow hat, bzw. bereit ist, sich mit diesen Dingen herumzuschlagen.

Homepage von Fabian Burkes - www.burkes-fabian.de


Dass ich bisher keine Werbung für ihn machen durfte, liegt zum Teil daran, dass er erst ein gewisses Können vorweisen wollte, bevor er Werke anbietet, und dass ihm die Pädagogik wichtiger ist als eine Künstlerkarriere - aber auch daran, dass er einige Jahre lang "Datenschutzangst" vor dem Internet hatte. Also sollten auch möglichst keine Fotos von ihm im Netz stehen.

Diese Angst hat er mittlerweile erklärtermaßen überwunden. Ich muss jetzt umgekehrt meine antrainierte Scheu überwinden, Fotos von ihm zu zeigen. Nun ja - vielleicht muss ich in den nächsten Tagen ein paar der Bilder hier wieder löschen, mal sehen ;-)

Für alle Fälle - Fabian zeigt mir den "Fluchweg"



Die Akademie


Die Akademie der bildenden Künste in Wien


Nebengebäude Lehargasse.




Aktsaal der Akademie (1787), von Martin Ferdinand Quadal

Das Museumsquartier in Wien


 Die Universität liegt in der Nähe des des Museumsquartiers. Ein äußerst sympathischer Platz, das mir ein wenig das Gefühl eines Universitätscampus gab. Das MuseumsQuartier Wien ist mit rund 60 kulturellen Einrichtungen nicht nur eines der weltweit größten Kunst- und Kulturareale sondern mit seinen Innen­höfen, Cafés und Shops auch eine Oase der Ruhe und Erholung inmitten der Stadt. In dieser Gegend ließe sich gut studieren - wenn man denn ein paar Gänge zurückschalten würde.



Die begehbaren Skulpturen des niederländischen Künstlers Joep van Lieshout - die ArschBar, BikiniBar und Darwin (ein riesiges Sperma-Gebilde) waren  damals im März 2010 die Sensation im Museumsquartier

Die Arsch-Bar von Joep van Lieshaut


Ein neuer Schritt - der gleiche Weg

Ich bin froh, dass die beiden sich entschieden haben, in Wien auch das Refrendariat zu machen. Ich selbst musste zu oft in meinem Leben umziehen. jedesmal einen neuen Bekanntenkreis aufbauen, den alten pflegen, sich der neuen Umgebung anpassen. Das ist überhaupt nicht schön. Es hing mir bis in's Erwachsenenalter nach. 

So ändert sich nicht allzuviel für die beiden.


Ich, Fabian, Anna Graf and a dog named boo (steht gerade rechts außerhalb des Bildes) bei einem Spaziergang in Wien

Schon vor dem Studium bis heute - Interesse an Kunst


Zum Abschluss alles Gute

Jetzt habe ich meinem Sohn die Reverenz erwiesen, und gleichzeitig den Freundeskreis über die Entwicklung informiert.

Unsere gemeinsame Verwandte Gerlinde fragte mich heute, ob ich stolz über diese Entwicklung bin. Dazu muss ich was sagen:

Ich freue mich über die Entwicklung, ich freue mich darüber, dass er sich für Kunst und für Pädagogik interessiert, dass er ähnlichen Musikgeschmack hat wie ich, dass er das Studium mit guter Note abschließt und dass er eine so wunderbare Partnerin hat (übrigens mit ebenfalls sehr sympathischen Eltern - Grüße in den Bayerischen Wald!)

Stolz bin ich auch auf ihn, aber deswegen, weil er so ist wie er ist. Wegen seiner Persönlichkeit, seines Charakters und seiner Einstellungen. Und hier kann ich mir als Vater kein bisschen mehr wünschen, als das, was ich sehe. Ich bin glücklich.


Alle Gute, Fabian, zum Geburtstag!