Regensburger Tagebuch

Notizen von der nördlichsten Stadt Italiens

Sonntag, 22. Mai 2016

Die ersten Römer in Regensburg

Anlässlich des Artikels "Marc Aurels Legio III Italica - wieviel von ihrem Blut steckt in uns" habe ich eine  schon lange geplante kompakte Darstellung der Geschichte der Regensburger Stadtgründung erstellt, die ich hier veröffentliche.

Die ersten Römer in Regensburg 
von P. Burkes


Fotomontage: P.Burkes, Ausschnitt der Tabula Peutingeriana, kombiniert mit Foto aus dem Parkhaus im Dachauplatz

Das Blut vieler Römer dürfte in unserer heutigen Bevölkerung liegen, was Regensburg betrifft. Über die Römer in Regensburg gibt es spannende Schilderungen und Informationen. Ich will mit diesem Aufsatz  ein paar Basisinformationen über die Römer liefern, sozusagen ein Gerüst aufziehen. Denn ganz so einfach ist es nicht, dass da einfach ein römisches Lager gegründet wurde und das war es.

Vielmehr haben wir zwei Stufen: das erste kleine Militärlager in Kumpfmühl mit anliegender Zivilsiedlung, nach dessen Verfall das zweite Kastell, nämlich ein Legionslager ab spätestens 179 n.C. in der Altstadt, ebenfalls wieder flankiert von einer Zivilsiedlung.
 




Der Reihe nach:


1. Versuch - das Kohorten-Kastell in Kumpfmühl

Die Römer errichten ein Kartell im 2. Jahrhundert nach Christi Geburt. Und zwar in Kumpfmühl, südlich der Wolfgangskirche, mit gutem Überblick über das Donautal.

Östlich neben dem Kastell entstand eine Zivilsiedlung im Bereich Augsburger Str./Kumpfmühler Str.

Das Kastell war anfangs 160 x 137 m groß und aus Holz, später wurde es erweitert und erhielt Steinmauern.



Kaum echte Römer?

Die Besatzung des Kumpfmühler Kastells  bestand aus  einer "Kohorte" von 500 Mann.  Im Gegensatz zu einer "Legion" handelte es sich bei einer Hilfskohorte im wesentlichen nicht um Römer, sondern um regional angeworbene Soldaten. Man spricht von Hilfskohorten oder Auxiliarkohorten.

Die angeworbenen Soldaten konnten sozial aufsteigen, denn sie  erwarben im Rahmen des 25 jährigen Dienstes aber das römische Bürgerrecht, ebenso ihre Ehepartner und Kinder.
Der Tag der Entlassung aus der Armee war somit für den "einfachen Mann" ein Festtag und eine entscheidende Station in seinem Leben. Den Erwerb der neuen Rechte ließ sich der neue römische Bürger durch Militärdiplom urkundlich bestätigen. Das älteste, sicher datierte Militärdiplom in Regensburg Holländer Fronto am 16. Dezember 113 n. Chr. ausgestellt.
Der ausgediente Soldate hatte  während des Dienstes lesen und schreiben gelernt und die römische Kultur kennengelernt. Nach Entlassung konnte er sich mit seinen neuen Bürgerrechten im Lagerdorf niederlassen und ein Geschäft gründen oder einen Gutshof führen (villa rustica).  Durch das Kastell hat sich also römische Kultur in der Gegend verbreitet.


Das Kastell wurde wahrscheinlich beim Markomannen-Einfall Mitte des 2. Jahrhunderts (also ca 160 n.C.) zerstört. Jedenfalls fand man Hinweise darauf, dass das Kastell in dieser Zeit  niedergebrannt ist, ebenso die zwei Zivilsiedlungen.

Näheres zum Kumpfmühler Kastell:

2. Versuch - Das Legionslager und die Gründung von Regensburg in 179 n.C.





Nach einiger Zeit konnten die Markomannen gebremst werden und Kaiser Marcus Aurelius (161-180 n. Chr.) beschloss, in unserer Provinz die III. Italische Legion zu stationieren.

Diese befand sich nachweislich ab 170 n.C. in unserem Raum.

Diesmal handelte es sich um eine  richtige Legion also, ca 6000 echte Römer, hervorragend durchstrukturiert, sowohl militärisch als auch verwaltungstechnisch.  Eine Eliteeinheit, die Mitte der 60er Jahre in Oberitalien rekrutiert worden (daher auch ihr Beiname "Italica") und in den Markomannenkriegen eingesetzt wurde.

Die Großeinheit war untergliedert in 10 Kohorten, von denen wiederum jede aus 6 Zenturien bestand, also "Hundertschaften".
Eine solche Hundertschaft umfaßte trotz ihres Namens nur 80 Soldaten, der Rest setzte sich aus Spezialisten wie Ärzte, Verwaltungssoldaten, Handwerker, Musiker usw.  zusammen.


Die Legionäre mussten das Lager selber bauen.. Das damals sumpfige und von Rinnsalen durchflossene Regensburger Gelände mußte durch Kiesaufschüttungen trockengelegt werden.

Dann wurde die Lagermauer gebaut, 540 x 460 m groß, 11x so groß wie das Kumpfmühler Lager.

 Diese Größe erforderte wahrscheinlich ein Ausweichen in das Tal, vielleicht stand aber auch eine gewissen Symbolik dahinter, dass man ganz an die Donau heranging - man wollte demonstrativ an der nördlichsten Stelle der Donau die Grenze des römischen Reichs markieren.



Die Gründungsurkunde 

Zur Einweihung des Lagers nach ca 5 Jahren Bau ließ der Legionskommandeur über dem östlichen Tor auf Höhe des Dauchauplatzes, eine Steininschrift anbringen.

Die Steininschrift war ca. 8 – 10 m lang, Teile von ihr sind noch erhalten und im Museum anzusehen. Diese sog. "Gründungsurkunde" von Regensburg gibt uns ein festes Datum für die Einweihung des Lagers, nämlich 179 n. Chr.

Das Lager wurde in römischen Landkarten "Castra Regina" benannt, was wohl weniger ein Eigenname als eine Ortsmarkierung sein sollte: das Lager an der Regen-Mündung (Regina=Regen)

Nochmal zum östlichen Tor:  In jeder der vier Seiten des quadratischen Lagers gab es jeweils nur ein Tor. Das  nach Osten hin gerichtete Tor hieß Ost-Tor und befand sich auf Höhe des heutigen Dachauplatzes.

Verwechseln Sie bitte nicht das Ost-Tor mit dem späteren Ostentor, das viel weiter östlich liegt und Teil der Stadtmauer im Jahre 1300 bildete.


Das Außenlager in Prüfening

Um die Naabmündung besser kontrollieren zu können, wurde - vermutlich zeitgleich mit Castra Regina  - ein Kleinkastell als Außenposten der III.Italischen Legion errichtet. Es gab wohl auch einen vorrömischen Flussübergang.

Klein-Kastell Prüfening, google-earth-Ansicht 2004
Weitere Bilder: http://www.regensburger-tagebuch.de/2012/07/historisches-das-romer-kastell-in.html
Ferner gab es auch hier eine kastellbegleitende  Zivilsiedlung, die etwa 14 Gebäude umfasste.


Möglicherweise zählte dazu auch eine Brauerei, die älteste Braustätte nördlich der Alpen, wobei diese Nutzung mittlerweile in Frage gestellt.  Bei Grabungen in den 70er Jahren sind die betreffenden Gebäudereste freigelegt worden und können angeblich am Römerpark/Kornweg besichtigt werden.

Erst gegen Ende der Grabungen wurde das Kastell selbst entdeckt. Esist eine Rechteckanlage 60 x 80 m mit Ecktürmen, und einer hohen Wehrmauer von 8 - 9 m Höhe

Die römische Siedlung erstreckte sich ca 1000 m lang entlang der UFerstraße und war bis 250 m breit.  Zerstört wurde sie bei den Germaneneinfällen um das Jahr 244 zerstört. Man vermutet, dass sie bis ins 4.Jahrhundert bewohnt wurde.

(Quelle: http://www.st-bonifaz-regensburg.de/PruefWeb/PrfZweck.htm)


Die Zivilsiedlung in Regensburg Stadtmitte

Zusammen mit den Legionaren waren auch gut 10.000 bis 15.000 Zivilisten nach Regensburg gekommen, Händler, Kaufleute, Handwerker, Wirte und Dirnen, Diese ließen sich westlich neben dem Militärlager nieder. Es entstand eine Zivilsiedlung, von der heutigen Bachgasse aus nach Westen bis Nonnenplatz, nach Süden bis zur Eisenbahn.


Skizze von Schmetzer mit seiner Vorstellung über Lage von Lager und Zivilsiedlung (Lagerdorf).
Man sieht auch schön den heutigen Haidplatz, das ist das Dreieck mit dem Oval in derMitte. Siehe dazu: http://www.regensburger-tagebuch.de/2012/04/regensburg-historisch-der-haidplatz_08.html

Es wird aber darauf hingewiesen, dass dies nur eine Spekulation von Schmetzer war und die Lage der einzelnen, eingezeichneten Elemente nicht gesichert ist.



Der Kern der Zivilsiedlung als roter Kreis. Die Zivilsiedlung kann aber durchaus größer gewesen sein.

Hier noch ein alter Stadtplan mit Anmerkung des Historikers Dahlem über die Lage des Römerfriedhofs bei der Kumpfmühler brücke und dem Grundriss des Römerlagers.



Vom Lager aus führte der Weg durch das Westtor in eine Straße, die etwa der heutigen Gesandtenstraße entspricht. Das West-Tor befand sich dort, wo heute die Gesandtenstraße in den Neupfarrplatz mündet.

Die Straßen waren zum Teil gepflastert, von gedeckten Säulengängen flankiert und mit Kanalisation versehen. Vor 2000 Jahren, wohlbemerkt. München existierte damals noch nicht mal als Dorf, Berlin existierte auch nicht. Dass wir überholt wurden, liegt an einem besonderen Umstand, den ich später erkläre.

Die Regensburger Zivilsiedlung erlebte  wahrscheinlich ein stadtartiges, römisches Gepräge an. Durch die römischen Legionare, die Lesen, Schreiben und die offizielle Kommandosprache Latein beherrschen mussten, sind römische Kultur und Lebensgewohnheiten eingezogen. Ein "Hauch von Rom wehte durch die Gassen".

Wie der Alltag in der Zivilsiedlung und der Arbeitstag im Lager aussahen, darüber haben wir spannende und umfangreiche Informationen. Lesen Sie dazu den Aufsatz von Waldherr, kostenlos veröffentlicht unter folgender Adresse:
 

Die langsame Auflösung des Lagers

Im 3. Jahrhundert wurde wurde Castra Regina zweimal durch einfallende Alemannen in Schutt und Asche gelegt. Trotz der Verluste bei Zivilbevölkerung und Militär erlosch das Leben in und um das Lager nicht völlig; es gab einige weiter existierende Gutsbetriebe. Man mauerte möglicherweise die Porta Prätoria zur ÄHlfte zu, ließ die Zivilbevölkerung in das Kastell, wahrscheinlich in Süd und Westteil. Aus der Kaserne war im Laufe des 4. Jhtds. eine mauerumwehrte Zivilsiedlung mit militärischer Besatzung geworden.

Die letzte Abteilung der III. Italischen Legion war Ende des 4. Jhdts. aus dem Lager abgezogen und die leeren Kasernenbauten von den Elbgermanen übernommen worden.

Wie hilflos und respektlos die neuere Zivilbevölkerung den hinterlassenen technischen Errungenschaften der Römer (z.B. Kanäle, Lüftungskanäle für Heizung, Fußbodenheizung) gegenüberstanden, auch das schildert anschaulich der o.g. Aufsatz von Waldherr. Dort findet man auch Informationen über das spätere Schicksal der Lagerbefestigung.



Siehe auch:
http://www.regensburger-tagebuch.de/2012/07/historisches-das-romer-kastell-in.html
betrifft Kastell Prüfening

http://www.regensburger-tagebuch.de/2012/04/regensburg-historisch-der-haidplatz_08.html