Regensburger Tagebuch

Notizen von der nördlichsten Stadt Italiens

Samstag, 21. Oktober 2017

Die Walhalla - Lob, Kritik und Spott an der "marmornen Schädelstätte"




So wirklich rundherum begeistert von der Walhalla als solcher sind die wenigsten meiner Bekannten.  Und als das Ding vor 175 Jahren eingeweiht wurde, gab es damals schon von allen möglichen Seiten Spott und kritische Anmerkungen.

Aber interessant ist die Walhalla trotzdem, und ich habe hier ein paar Fakten zusammen getragen. Schließlich hat man immer wieder mal Besuch von auswärts.





Bauherr war König Ludwig der Erste. Bauzeit war 1830 bis 1842. Ausführender Architekt war Architekt und Künstler Leo von Klenze, der dann später auch die Befreiungshalle für König Ludwig fertigstellte.

König Ludwig hatte die Idee zur Walhalla aber schon 1807, als er noch gar nicht König, sondern Kronprinz war. Er wollte einen Ruhmestempel für deutsche Persönlichkeiten erstellen. Das war eine Reaktion auf den Zerfall des Römischen Reichs durch Napoleon, worauf ich später noch näher eingehe.

Warum "Walhalla"? Weil is in den nordischen Sagen die Geschichte von "Walhall" gibt, dem Ruheort für die gefallenen Kämpfer. Und ein Schweizer Geschichtsschreiber empfahl dem König deshalb Walhalla als Namen für diesen Ehrentempel, wo Büsten großer "Deutscher" aufgestellt werden sollte.

Witzigerweise hat man sich aber als Bauform was Griechisches gegönnt. Ein Tempel nach Vorbild des Parthenon in Athen sollte es sein, so die Idee.

Dass dann der Eingang an der Südseite des Tempels stehen sollte, so dass ein riesiger Treppen-Aufbau in den Hang gebaut werden musste, hat man damals bereits stark kritisiert, ebenso wie die Kombination von griechischem Tempel und oberpfälzischer Landschaft.

Unter dem Tempel sollte eine besondere Halle entstehen, die "Halle der Erwartung". Dort sollten Büsten von noch lebenden Personen aufgestellt werden - etwas gruselig aus der Sicht dieser Personen, wenn ihr mich fragt. Jedenfalls: nach ihrem Tod hätten diese (also die Büsten, nicht die Verstorbenen) dann in einer feierlichen Prozession in den „Himmel“, also die Walhalla selbst, getragen werden sollen.

Diese Idee wurde jedoch nicht realisiert und der ausführende Architekt Klenze wandelte die ursprüngliche "Halle der Erwartung" in einen Treppenaufgang zur Haupthalle um. Den Eingang sieht man von Süden her:


Eingang zur Halle der Erwartung


Für Kunsthistoriker sind noch  die beiden Fresken im Nordgiebel und Südgiebel interessant. Sie stammen von Ludwig von Schwanthaler, einem deutschen Bildhauer, der auch die Bavaria in München geschaffen hat. Der normale Besucher guckt sich dagegen eher die Büsten im Inneren an.


In der Mitte: die "kranzwerfende Viktoria",
eine der 6 Siegesgöttinnen, die gerade einen Siegeskranz wirft
 
König Ludwig begann schon ab 1807 die ersten Büsten in Auftrag zu geben.  Als er König wurde, also 1925, waren schon 60 Büsten fertig und er hatte immer noch keinen Standort. Der sollte zuerst der Englische Garten in München sein, dann wurde es der Bräuberg in Donaustauf.

Ab 1830 wurde dann gebaut, Einweihung war 1842.

Bei früheren Recherchen fand ich in google-books eine kleine Broschüre des Pustet-Verlags, die auf 1835 datiert ist, und die einen Stich des (äußerlich fertigen) Walhalla-Gebäudes zeigt. Einen Autor weist die Schrift, die nur ein paar Seiten umfasst, nicht aus. Die Datierung 1835 ergibt sich aber direkt aus dem Text, und die Zeichnung scheint kein Entwurf zu sein, sondern ist "nach der Natur gezeichnet" (Link zum Buch). Also muss das Gebäude äußerlich schon im Jahre 1835, sieben Jahre vor Eröffnung, weit fortgeschritten gewesen sein.



1835 - Buch aus Pustetverlag über Walhalla mit zwei Stichen

Spott und Hohn

Als die Walhalla realisiert wurde, gab es viel Kritik und teilweise Spott. Den einen gefiel die Architektur, nicht,  anderen die Einpflanzung eines griechischen Tempelkolosses in die oberpfälzische Landschaft.

Gängige Kritik, und die war wohl berechtigt, war die etwas chaotisch empfundene Auswahl der Personen, deren Büsten aufgestellt wurde. Auch Luther, das hat die MZ in einem Artikel vor ein paar Wochen gut dargestellt, wurde erst mit arg viel Verzögerung aufgestellt - wobei das aber nicht die Schuld von Ludwig selbst war, sondern von anderen politischen Kräften.

Auch die künstlerische Qualität der einzelnen Büsten, die von verschiedensten Künstlern stammten, schwankte beträchtlich.

Dass dann König Ludwig, der für seinen schwülstigen Stil berüchtigt war, bezüglich der Eröffnungsreden selbst kräftig mitmischte bzw. sich einmischte, führte ebenfalls zu viel Spott.

Eine Sammlung von Schmäh- und Spottschriften findet man in dem kleinen Lesebuch "Bei regensburg lässt er erbauen eine marmorne Schädelstätte" im Morsbach-Verlag (siehe auch meinen Blogbeitrag zur Buchvorstellung hier)

Heinreich Heine, der seinerseits das Projekt verspottet hatte und dort nicht hätte sein wollen, ist mittlerweile tatsächlich in der Walhalla gelandet. Und weil ja nach wie vor Büsten in die Walhalla einziehen und deshalb auszuwählen sind, ist das  Thema, was eigentlich der Sinn der Walhalla aus heutiger Sicht ist, und ob die Idee nicht hinfällig ist, ein Dauerthema (siehe z.B. den Artikel in der Süddeutschen: http://www.sueddeutsche.de/bayern/walhalla-bei-regensburg-der-himmel-der-deutschen-1.2673871-2)

 
Warum heißt es "Nationaldenkmal"?

Die Idee eines Ruhmestempel war eine Reaktion auf die  Niederlagen in den Napoleonischen Kriegen und  der politischen Zersplitterung Deutschlands. Durch diese Kriege kam es 1806 zur Auflösung des "Römischen Reichs deutscher Nation", einem Bündnis von deutschsprachigen, italienischen und französischen Gebieten. So manche der deutschen Regionen standen danach unter der Herrschaft Napoleons - allgemein wurde der Zustand als deprimierend und "große Schmach" empfunden.

Eine richtige Nation war das Römische Reich nicht, das war vielmehr 844 Jahre lang ein Bündnis vieler eigenständige Territorien, also Fürstentümer, Herzogtümer, freie Städte und so weiter (wer es genauer wissen will: siehe http://wiki-de.genealogy.net/Heiliges_R%C3%B6misches_Reich_Deutscher_Nation).

Man hat in den nachfolgenden Jahren nach einer Art gemeinsamer Identität und Nationalität gesucht, wobei man sich an der deutschen Sprache orientiert hat. Es entstanden auch da und dort solche "Nationaldenkmäler", zu denen eben die Walhalla als bekannteste zählt.

„Kein Stand nicht, auch das weibliche Geschlecht nicht, ist ausgeschlossen. Gleichheit besteht in der Walhalla; hebt doch der Tod jeden irdischen Unterschied auf,“  schrieb Ludwig, nur „teutscher Zunge zu seyn, wird erfordert, um Walhallas Genosse werden zu können, denn die Sprache ist das große Band, das verbindet, wäre jedes andere gleich zernichtet; in der Sprache währt geistiger Zusammenhang“.

Übrigens: noch bevor Kronprinz Ludwig 1825 zum König wurde, entstand tatsächlich ein neuer Bund im Sinne von national denkenden Personen wie Ludwig, eben der "Deutsche Bund", und zwar im Jahre 1815. Das war wieder ein loser Bund von Ländern, und hatte natürlich mehr praktikable Zwecke als nationalistische (nämlich die Friedenssicherung). Aber es ging in die Richtung, wie Ludwig dachte. Der Deutsche Bund wurde dann zum  Vorläufer des späteren Deutschen Reichs (ab 1877, der Deutsche Bund hatte sich 1866 kriegsbedingt aufgelöst) und damit Vorläufer der heutigen Bundesrepublik

 






 Fotos vom Juni 2017:










Yorki, das Maskottchen dieses Blogs, freundet sich mit einem Westi an


Blick nach Süden


Umgekehrt sieht es so aus:





Die Skulpturenplastik am Nordgiebel; Bildhauer: Ludwig von Schwanthaler
Die Reliefplastik zeigt die historische Hermannsschlacht (Schlacht im Teutoburger Wald) im Jahr 9 n. Chr., in der die germanischen Stämme unter Arminius (Hermann) die römischen Legionen besiegten.

Die skulpturale Darstellung ist folgendermaßen aufgebaut:

  1. Zentrum: Die zentrale Gruppe zeigt den Feldherrn Arminius (Hermann) als siegreichen Befreier, umgeben von weiteren germanischen Kämpfern.

  2. Flügel: Zu beiden Seiten der zentralen Szene werden fliehende römische Soldaten sowie die Auswirkungen des Kampfes und die germanische Gefolgschaft dargestellt.

Symbolik: Das Relief wurde im Auftrag von König Ludwig I. von Bayern geschaffen. Es sollte den Sieg der vereinten germanischen Stämme über eine imperiale Übermacht symbolisieren und als deutsches Freiheits- und Einheitsdenkmal dienen.


Skulpturengruppe am Nordgiebel der Walhalla; Ludwig Schwanthaler









Entwurfsskizze von Ludwig von Schwanthaler, Münchner Stadtmuseum
https://sammlungonline.muenchner-stadtmuseum.de/objekt/donaustauf-walhalla-ausstattung-noerdliche-giebelfeldgruppe-hermannsschlacht-10154160



Skulpturengruppe an der Südseite

Auch am Südgiebel gibt es eine Skulpturengruppe, die kaum bekannt ist und die ich bei der Erstfassung dieses Artikels vergessen hatte. Erst bei einer Überarbeitung dieses Artikels stieß ich darauf. Das liegt daran, dass man im Süden einen schlechten Blickwinkel auf den Giebel hat. 

Für Fotos musste ich auf Teleaufnahmen zurückgreifen, bei denen ich die Walhalla an anderen Tagen von großer Entfernung aus fotografiert

Das Relief auf der Südseite wurde von Bildhauer Christian Daniel Rauch entworfen, aber (da Rauch damals. keine Zeit hatte) im Auftrag des Königs von Ludwig Schwanthaler umgesetzt. Sie zeigt eine historisch-allegorische Szene:
  • Thema: Die Wiedergeburt Deutschlands nach den Befreiungskriegen gegen Napoleon (1813–1815).

  • Zentralmotiv: Im Mittelpunkt steht die thronende Allegorie der Germania.

  • Seiten: Zu beiden Seiten bringen ihr die deutschen Bundesstaaten (personifiziert durch Krieger und Bundesgenossen) Siegestrophäen und huldigen ihr für die wiedergewonnene Freiheit.

Während Schwanthalers Nordgiebel den historischen Gründungsmythos (die Hermannsschlacht) zeigt, feiert Rauchs Südgiebel die zeitgenössische Befreiung und Neuordnung Deutschlands im 19. Jahrhundert.

Der Südgiebel der Walhalla




Skulpturen am Südgiebel der Walhalla




Bilder von der Eröffnung der Walhalla im Jahre 1842

Die Eröffnung der Walhalla fand im Oktober 1842 statt.

Hier ein Bild von Gustav Kraus (Lithographie aus 1842):

Gustav Kraus: Die Eröffnung der Walhalla
https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:KrausWalhalla.jpg


Hier ein weniger bekanntes Bild des berühmten englischen Malers William Turner, der damals Regensburg besuchte:

siehe auch: http://www.regensburger-tagebuch.de/2013/05/3-teil-neue-regensburg-bilder-von.html


Querschnitt:



Weitere Grundrisse, Ansichten und architektonische Details findet man im Buch von Leo Klenze aus 1842: https://mediatum.ub.tum.de/doc/1379271/1379271.pdf



Kostenloses Informationsmaterial: