Regensburger Tagebuch

Notizen von der nördlichsten Stadt Italiens

Montag, 1. Oktober 2018

Die Zollinger-Decke im Schlachthof bzw. Marina Forum



Das denkmalgeschützte Schlachthof-Gebäude ist von 1888; die Gebäudeteile mit der Zollingerdecke entstanden 1927. Das Gebäude wird seit Frühjahr 2018 unter dem Namen  marinaforum als Tagungscenter benutzt. Das besondere an dem denkmalgeschützten Gebäude ist das Zollingerdach.

Architekt Friedrich Zollinger hatte damals diese materialsparende und raffinierte Lamellenbauweise von gewölbten Holzdecken erfunden und patentieren lassen. Daher spricht man von Zollingerdecke oder Zollingerdach, Letzteres ein Begriff, der Einzug in das Internetlexikon von Wikipedia gefunden hat (https://de.wikipedia.org/wiki/Zollingerdach).

Gelegentlich liest man auch  Zollbauweise bzw. Zoll-Lamellen-Bauweise. Es ist eine wirklich raffinierte Konstruktion.








Die Kerngebäude des Schlachthofs und die abgerissenen Teile




Die historischen Lamellen der Schlachthofdecke wurden anlässlich der Restaurierung mit gebürsteter Fichte neu eingedeckt, wie ich folgendem Aufsatz eines Architekten entnehmen konnte (https://thelink.berlin/2017/06/marina-quartier-marinaforum...../). Der Aufsatz enthält auch  interessante Fotos von der Decke während der Renovierungszeit; dort sieht man die Decke über die komplette Halle hinweg, schöner, als ich es im Jahre 2013 dokumentieren konnte.


Zu Fritz Zollinger

Friedrich Zollinger oder Fritz Zollinger (* 31. März 1880 in Wiesbaden; † 19. April 1945 in Aising-Kaltmühl; vollständiger Name: Friedrich Reinhard Balthasar Zollinger) war ein deutscher Architekt, Baubeamter und Stadtplaner. Er amtierte als Stadtbaurat in Merseburg und entwickelte das nach ihm benannte Zollingerdach und das gleichnamige Schüttbetonverfahren.

Fritz Zollinger war nicht verwandt mit dem 1924–1944 in Saarbrücken tätigen schweizerischen Architekten Otto Zollinger (1886–1970).


1918 wurde er zum Stadtbaurat in Merseburg berufen. In der Industrieregion um die Stadt bestand nach dem ersten Weltkrieg eine besonders große Wohnungsnot. Zollinger entwarf 1922 einen Generalbebauungsplan. Zusätzlich gründete er die Merseburger Baugesellschaft. Hier wurden seine kreativen Ideen wirksam, auf preiswerte Art und Weise Wohnraum zu schaffen. Die Schüttbetonbauweise, das Zollingerdach, eine rationalisierte Bauweise, bei der die späteren Bewohner bei einer Reihe von Bauarbeiten einbezogen werden konnten, wurde insgesamt mit dem Begriff "Zollbauverfahren" umschrieben. So war es in kurzer Zeit möglich, eine große Menge preiswerten Wohnraums zu schaffen. Zwischen 1922 und 1929 schuf die Merseburger Baugesellschaft 1250 Wohnungen. 1930 verlängerte Zollinger seinen Vertrag mit der Stadt Merseburg nicht. In den folgenden Jahren war er freiberuflich tätig und unternahm verschiedene Studienreisen, u.a. nach Großbritannien und Frankreich


Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Friedrich_Zollinger


Zum Zollingerdach
(aus Wikipedia)



Als Zollingerdach bezeichnet man eine freitragende Dachkonstruktion nach einer Systembauweise, bei der gleichartige, vorgefertigte Einzelelemente rautenförmig zu einem Stabnetztragwerk zusammengesetzt werden. Das Bausystem wurde vom Merseburger Stadtbaurat Friedrich Zollinger Anfang des 20. Jahrhunderts entwickelt und ist auch unter dem Begriff Zollbauweise bzw. Zoll-Lamellen-Bauweise bekannt.

Die Zoll-Lamellen-Bauweise wurde, obwohl auch für andere Bauteile vorgesehen, vornehmlich für gebogene Dachwerke verwendet.

Basierend auf den Konstruktionsmerkmalen des gewölbten Bohlenbinderdachs (Tonnendach) mit parallelen Sparren, die jeweils durch zwei versetzt angeordnete Bretter miteinander verleimt waren, entwickelte Zollinger das Prinzip eines Rauten-Lamellendachs ohne Bohlen und Sparren. Am 14. Oktober 1921 meldete er seine Dachkonstruktion aus Brettlamellen zur Patentierung an. Am 28. Dezember 1923 wurde die Patentschrift ausgegeben. In ihr werden raumabschließende, ebene oder gekrümmte Bauteile festgeschrieben, die sowohl die Ausbildung gerader Dachflächen aus geraden Brettern als auch die Konstruktion der gewölbten Dachhaut aus gekrümmten Brettern ermöglicht.[4]
Die gewölbte Lamellenkonstruktion bot neben der Holzeinsparung weitere Vorteile: Aufgrund hoher Biegungsfestigkeit konnten problemlos Öffnungen für Fenster oder Gauben aus dem Dachtragwerk ausgeschnitten werden. Durch die typisierten Abmessungen der Lamellen konnten sie gebäudeunabhängig maschinell im Sägewerk in großen Stückzahlen vorgefertigt werden. Das Zollinger-Lamellendach wurde nicht nur beim Wohnungsneubau verwendet, sondern aufgrund seiner besonderen Eigenschaften auch beim Bau öffentlicher Gebäude, Scheunen, Flugzeug- und Eisenbahnhallen, Stadien, Markthallen und Kirchen. Von 1921 bis 1926 erfolgte der Vertrieb durch die Deutsche Zollbau-Licenz-Gesellschaft m.b.H., die danach durch die Europäische Zollbau-Syndikat A.G. ersetzt wurde. Während die Deutsche Zollbau-Licenz-Gesellschaft das Schüttbetonverfahren zusammen mit dem Lamellendach als System Zollbau vermarktete, vertrieb die Europäische Zollbau-Syndikat A.G. nur noch das Zollingerdach.[2]

Konstruktion
Außermittiger Knoten beim Zollbau

Beim Zollbau-Lamellendach werden gleichartige Brett- oder Bohlenstücke derart im Winkel zueinander angeordnet, dass in der Mitte einer senkrecht verlaufenden Lamelle zwei andere schräg verbaute Lamellen auftreffen und mittels Schlossschraube und krallenbewehrter Unterlegscheibe durch ein Langloch miteinander verbunden werden. Die Grundelemente aus jeweils drei nur außenseitig gerundeten Lamellbrettern werden gegeneinander eingedreht verbunden, so dass ein netzartiges Flächengebilde entsteht, das den optischen Eindruck von vielen nebeneinander und übereinander angeordneten Rauten vermittelt. Die verarbeiteten Lamellen, die an beiden Enden abgeschrägt sind, haben alle dieselben Maße 3 × 20 cm² bei 2,0 bis 2,5 m Länge. Durch diese Bauweise können auch besonders große Spannweiten ohne zusätzliche Abstützungen erreicht werden.[5][6]

Zur Zeit der Patentanmeldung ließ sich die Statik des Zollbau-Lamellendachs nicht exakt berechnen. Das Staatliche Materialprüfungsamt Berlin-Lichterfelde führte daher im Sommer 1922 und im Frühjahr 1923 an unterschiedlichen Zollingerdächern praktische Belastungsproben durch, ebenso die Materialprüfungsämter der Technischen Hochschulen in Dresden und Hannover. Da die Ergebnisse den theoretischen Näherungsrechnungen entsprachen, die Professor Robert Otzen von der TH Hannover im Zuge der statischen Prüfung erstellt hatte, fiel diese letztlich positiv aus. Auch wenn sich aus heutiger Sicht Otzens nachträgliche Berechnungen als unzureichend erweisen, zeigt die große Zahl erhaltener Dächer, dass die Zollinger-Konstruktion ausreichende Tragereserven aufwies.[7]

Die in der Patentschrift ebenfalls erwähnte ebene Variante unterschied sich von der gewölbten lediglich in der Verwendung ungerundeter statt gerundeter Lamellen. Für das gewölbte Zollbau-Lamellendach wurden anfangs beidseitig gekrümmt zugeschnittene Bretter verwendet. Der Grad der Längsseiten-Wölbung bestimmte die Wölbung des Daches. Nach kurzer Zeit beschränkte man sich darauf, lediglich die nach oben zeigende Brettseite gekrümmt zuzuschneiden; die untere Seite blieb gerade. Dadurch konnten die in Mengen vorgefertigten Lamellen wahlweise für beide Dachformen verarbeitet werden.[8]


Risiken

Die Konstruktion eines Zollingerdachs barg auch Risiken. Mangelhafte Pflege stellte einen Unsicherheitsfaktor dar, da die Schraubverbindungen regelmäßig zu kontrollieren und gegebenenfalls nachzuziehen waren. Durch minderwertiges Holz, Fehlbelastungen und Folgeschäden am Holz aus undichter Dachhaut konnten Verformungen auftreten.[10] Die Gefahr, dass zu flach konstruierte Dächer im Laufe der Zeit durchhingen, bestand ebenfalls. Auch monierten Brandsachverständige, dass die nur wenige Zentimeter dicken Lamellen einem Brand nicht lange standhalten könnten.[2]

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In dem Wikipediaartikel über das Dach fehlt das Beispiel des Schlachthofs Regensburg. lediglich die Kirche in Keilberg, die ebenfalls ein Zollingerdach besitzt, wird erwähnt.


Links

https://thelink.berlin/2017/06/marina-quartier-marinaforum-candis-areal-friedrich-reinhard-balthasar-zollinger-zollingerdach-alter-schlachthof-unesco-welterbe-regensburg-tourismus-gmbh
Von Hendrik Bohle Architekt, Autor und Stadtforscher, veröffentlicht am .