| Geburtsgrüße vom Verein |
Kunstvereine gibt es seit über 200 Jahren. Sie vermitteln Kunst an das breite Publikum. Dabei leben sie von ehrenamtlich engagierten Menschen, die sich für Kunst und kulturellen Austausch einsetzen. So auch die Mitglieder des "Neuen Kunstvereins Regensburg", die seit 1987 Kunst im Regensburger Raum sichtbar machen.
Als Anerkennung entstand im Herbst letzten Jahres die Idee einer Portraitausstellung, die sich als "Hommage an all jene, die mit ihrem Einsatz Kunst sichtbar machen und ihr einen lebendigen Ort in der Gesellschaft geben" versteht. Ein Zeichen der Anerkennung für die Vereinsmitglieder also,
Der Künstler Jürgen Huber bat die Mitglieder, Fotos oder Bilder von sich zu übersenden. Einige Portraits besaß er schon, weitere fertigte er in den letzten Monaten an.
Dabei benutzte er die ihm typische expressive Darstellungsweise, so dass die Betroffenen nicht so einfach identifizierbar sind. Er wollte auch keine normalen Portraits erstellen, erklärte der Künstler, das sei noch nie seine Art gewesen.
"Ich habe experimentell versucht, die Maschinenlesbarkeit zurückzudrängen und die nur von Menschen empfindbare "Identifikation" nach vorne zu stellen" erklärt er auf seiner facebook-Seite. Und deshalb wehrte er bei der Vernissage auch Bitten ab, die Personen auf den Bildern zu benennen, und das wurde dann auch respektiert. Einige Personen sind natürlich für Insider erkennbar oder bekannt. So das berührende Bild von Gründungsmitglied Reiner R. Schmidt.
Da Jürgen am Eröffnungstag auch Geburtstag feiert, erhielt er vom Verein einen Blumenstrauß.
Da Jürgen am Eröffnungstag auch Geburtstag feiert, erhielt er vom Verein einen Blumenstrauß.
In die Ausstellung führte Kunsthistoriker Dr. Matthias Kampmann ein und ging dabei auf das Ankämpfen des Künstlers gegen die KI. Zentrales Thema war auch die Art und Weise, wie bei diesem Projekt der Begriff "Portrait" zu verstehen ist.
Hier ein Auszug aus seiner Rede:
Es ist nicht leicht mit uns Menschen. Wir können Dinge herstellen, die uns ähnlich sehen. Jürgen Huber hat jedoch aufgrund der Gegenwart den anderen Weg gewählt. Er lässt uns mit seiner "Menschenkette" nach Ähnlichkeiten suchen. Es sind de facto Porträts derjenigen, die den Neuen Kunstverein ausmachen: die Mitglieder. Aber alle einfach nur so "abzuzeichnen" oder zu porträtieren, das wäre doch zu leicht. Um zu begreifen, warum das so ist, habe ich zunächst ein paar Gedanken zum Porträtieren geäußert. Im Mittelpunkt zeigt sich der Mensch in einem Spannungsfeld aus Wiedererkennen und Ähnlichkeit. Man könnte daher auch fragen, wie viel vom "Selbst" steckt in so einem Porträt. Schon von der Etymologie her sehen wir, worauf es hinausläuft: protrahere = hervorziehen. Aber es ist eben auch das Konterfei: contrafacere = nachmachen. Jürgen geht dann den anderen Weg. Er macht die Dargestellten mit seinen Mitteln sich unähnlich. Da kann es sein, dass er eine Eigenschaft herausgreift. Eine Besonderheit etwa des Profils, der Nase, des Äußerlichen. Aber er lässt uns darüber im Unklaren. Warum? Im Gespräch hat Jürgen mir anvertraut, dass er gegen die KI malt. Dass seine Porträts nicht auf Namen hin induziert werden können. Ich denke, dass das ein sehr kluger Ansatz ist, das Porträtieren in eine computerisierte Gegenwart zu heben.(Ende Auszug aus der Rede von Matthias Kampmann)
Hier komme ich auf den zweiten meiner Aspekte: den Numeralismus der Datenwirtschaft. Denn mittels Software und Big Data werden plötzlich Milliarden porträtiert: per Bilddaten, per Bewegungsdaten, per Werbeprofilen, die ganz genau nachzeichnen, welche Vorlieben ein Mensch hat. Wer macht das? Ein Haufen von Unternehmen, die sich einer perfiden Afterwirtschaft verschrieben haben und die mit Cookies "berechtigte Interessen" (Europäische Datenschutzgrundverordnung) vorgaukeln, aber eigentlich machen diese Firmen zusammen mit den großen Hyperscalern wie Meta und Google nichts anderes als den letzten Heller daraus pressen, was wann wie bei Instagram oder in unserem Browsercache gespeichert wird. So entstehen Profile, die exakter zu wissen vorgeben, was wir jeweils sind, als wir von uns selbst zu wissen glauben.
Damit ist Jürgens Malerei ein Akt des kulturellen Widerstands auf mehreren Ebenen: Es wehrt die drohende maschinelle Identifikation durch künstlerische Arbeit der Verfremdung ab. Es steht als analoges Angebot zeitlich begrenzt im Raum des Kunstvereins und verlangt uns und nicht Computer, um uns mit den Mitgliedern des Vereins auseinanderzusetzen. Das tut in dieser durch Werbung verseuchten Welt sehr, sehr gut.
Fotos:
| Jürgen Huber |
| Susanne Gatzka (vom Kunstverein) und Jürgen Huber |
| Renate Haimerl-Brosch (1. Vorsitzende) |
| Wolfram Schmidt, Vorstandsmitglied |
Übrigens:
Es gibt einen neuen TVA-Bericht vom 09.07.2026 zu parallel laufenden Ausstellung:
Ausstellung I love you so noch bis Ende August im Leeren Beutel; die Parallel-Ausstellung im Art Affair ist schon beendet.