Regensburger Tagebuch

Notizen von der nördlichsten Stadt Italiens

Mittwoch, 10. November 2021

Hurzlmeier mal fünf - eine sehenswerte Ausstellung im KUG




Gabriella Watenphul und Ehemann Rudi Hurzlmeier, Bruder August Hurzlmeier, Julina Barbara Rose Hurzlmeier (vorne) und Leonhard Hurzlmeier (hinten); nur online anwesend und daher nicht im Bild: Frida Hurzlmeier. 


Es war eine wunderschöne Vernissage zu einer höchst sehenswerten Ausstellung. Am 29. Oktober wurde die (hier angekündigte) Ausstellung " Das HU-Quintett" im Kunst- und Gewerbeverein eröffnet. 

Und wie der Leser aus der Vorankündigung weiß, handelt es sich um insgesamt fünf Familienmitglieder aus der Familie Hurzlmeier, im Zentrum der Künstler Rudi Hurzlmeier. Im Laufe der Jahre trat er mit zwei seiner Kinder (Julina und Leonhard), und später auch mit Bruder "August" als "The HU" auf, wie man aus älteren Veranstaltungsplakaten entnehmen kann.

In der aktuellen Ausstellung band er erstmals noch die Werke seiner in Norwegen lebenden Enkelin Frida mit ein, aus denen das Talent und der Witz des "Dynastiegründers" hervor spitzt. 

Somit entstand aus "The HU" das "The HU Quintett", und der Untertitel der Ausstellung lautete "Die Künstlerdynastie Hurzlmeier - Erstmals zu fünft in einer Ausstellung".  Wobei die Bilder gemeint sind. Persönlich anwesend waren auch fast alle, aber die Enkelin Frida, die in Norwegen bei der Mutter lebt, war nur per Videokonferenz zugeschaltet und somit immerhin "digital anwesend".

Mein Foto von der Familie zeigt übrigens nicht das Quartett, denn Frida fehlt natürlich auf dem Bild. Links im Bild ist die Ehefrau von Rudi Hurzlmeier, "ohne die es die HU-Gruppe nicht geben würde", wie es hieß.

Die Ausstellung

Wenn Sie die Ausstellung besuchen - nehmen Sie sich Zeit mit. 

Alleine die Bilder von Rudi Hurzlmeier laden zum intensiven Studium ein. Manche sind schwarzhumorig, andere hintersinnig, wieder andere einfach nur komisch - aber immer muss man mehrfach hinsehen. 

Rudi Hurzlmeiers Bilder haben Sie sicher schon gesehen: im Spiegel, in der Süddeutschen, FAZ und anderen Zeitschriften. Und er arbeitet seit vielen Jahren für Satirezeitungen "Titanic" und "Eulenspiegel".

In der Vorankündigung nannte ich ihn deshalb "Cartoonist", entsprechend einer PM. Und so fing er auch an. Aber irgendwann lernte er autodidaktisch die malerische Sprache der alten Meister,  und veröffentlichte ab den 90er Jahren ausgefeilte Werke der "komischen Kunst". 

Und er ging immer öfter weg von den klaren Pointen der Satire und widmete sich irgendwann Sujets, die nicht an einer Pointe festgemacht sind, sondern "freischwebende Unfug" (Originalformulierung aus  einem früheren Interview mit dem SRW). Heraus kommen vergnügliche Bilder, bei denen man oft erst nachdenken muss, das Bild nach weiteren Details erkunden muss, bis man lächelnd oder lachend versteht (oder weiterhin rätselnd zurückbleibt, wie z.B. ich bei dem einen oder anderen Bild).

Mit diesem Konzept (malerischer Stil und zweckfreie Komik) gehört er zur Sparte "komische Kunst" und erinnert er an seine Künstlerkollegen Manfred Deix und Gerhard Glück, die ebenfalls malerisch und nicht nur zeichnerisch arbeiten.  Aus urheberrechtlichen Gründen binde ich hier vorsichtshalber keine Beispiele ein, aber eine sehr große Auswahl finden sie auf der Webseite dieser Galerie: https://www.galerie-kk.de/ausstellungen/k%C3%BCnstler/hurzlmeier-rudi

Aber genauso vergnüglich  sind die Bilder der anderen Familienmitglieder. Immer wieder überraschend waren für mich und meine Begleiter die Bilder von Julina (geboren als Julian, aber da sie sich seit 15 Jahren Julina nennt, benutze ich hier die weibliche Form), in denen wir viel Witz und Talent entdeckten. 

Die im Subtext verwendete Bezeichnung als "Familien Dynastie" ist natürlich nicht allzu ernst zu nehmen, schließlich steckt hier keine "Macht" dahinter. Aber als Satiriker und Vertreter der komischen Kunst waren Wortspiele wie  "The HU" (erinnert an The Who) und "Dynastie" naheliegend. 

Passend zu diesem satirischen Stil war die Rede von Achim Frenz, Museumsleiter der Caricature Frankfurt und guter  Freund der Familie. Kurz vorher hatte ihm Dr. Haber, Vorsitzender des KUG, mit die vorbereitete Laudatio zerschossen, indem er zuviele Details über den Künstler erzählte. Und so improvisierte sich Achim Frenz erfolgreich durch sein Redemanuskript, immer wieder bissig-grantige Bemerkungen zur Seite schießend, und erzählte Interessantes über die Familie. 

Sagenhaftes Regensburg

Übrigens:  Der in München lebende Rudi Hurzlmeier hat viel Regensburg-Bezug. Er ist in Mallersdorf geboren und in Regensburg zur Schule gegangen. 

Von ihm gibt es nicht nur gut 20 Bücher, sondern auch ein in den 90er Jahren erschienenes satirisches Büchlein über Regensburg: "Sagenhaftes Regensburg. Hurzlmeiers optimaler Stadtführer". 


Das hatte ich mir zufälligerweise vor ein paar Wochen auf dem Gebrauchtbuchmarkt besorgt. Das Buch versteht aber wohl wirklich nur jemand, der die 90er Jahre in Regensburg als Erwachsener erlebt hat. Das Buch ist voller satirischer Seitenhiebe, und manche skurrile Behauptungen sind letztlich völlige Verarsche (zumindest jemand gegenüber, der Regensburg nicht kennt, aber für dieses Zielpublikum war das Buch wohl nicht geschrieben). Ein Juwel, das ich empfehlen kann.



Screenshot: Gebrauchtbuch "Sagenhaftes Regensburg"



Noch mehr zum Künstler

Bei Recherchen fand ich einen interessanten Filmbeitrag vom SWR, in welchem er seinen Lebensweg schilderte. So hatte er eine sehr bunten Lebensweg: Dekorateur, Krankenpfleger, Gagwriter für Komiker, Kulissenbauer Film, Antiquitätenhändler, Koch Hotelbus., Möbelpacker.  Er hätte gerne Malerei an einer Akademie studiert, aber es gab nur drei Bewerbungsversuche. Er habe dann autodidaktisch komische Kunst studiert. 

Auf die Frage, warum er so oft Tiere verwende, meinte er: es gäbe eine größere Abwechslung in der Fauna, als beim Menschen. In der Malerei geben Tiere mehr her, man muss sich auch nicht mit Moden beschäftigen.

Sich mit Rudi Hurzlmeier zu beschäftigen, also sowohl seinen Bildern als auch seiner Person, lohnt sich, finde ich. Wenn ich über Personen recherchiere, denn suche ich vorrangig Interviews, denn hier erhalte ich unverfälschte Eindrücke und Darstellungen. Meine Tipps für lesenswerte Beiträge:

Neben den ausgestellten Bilder findet man weitere Bilder vor allem hier: https://www.galerie-kk.de/ausstellungen/k%C3%BCnstler/hurzlmeier-rudi



Achim Frenz, Museumsleiter der Caricatura Frankfurt



Wegen der neuen Speicher-Limits für hochzuladende Bilder habe ich wieder den Trick benutzt, die Bilder von der Vernissage als youtube-Bildershow zu verarbeiten, die ich hier einbinde. 


 

Nochmals die Personen des HU-Quintetts:


Frida Hurzlmeier (*2009) die Jüngste

In München geboren, lebt sie seit 2013 mit ihrer ebenfalls künstlerisch begabten Mutter nahe Oslo in Sandvika, Norwegen.

Schon früh zeigte sich künstlerisches Talent und Ausdruckskraft. 
In letzter Zeit beschäftigt sie sich insbesondere mit dem japanischen Manga-Stil und der Entwicklung von Comic-Charakteren.

Leonhard Hurzlmeier (*1983) der Jüngere

Er studierte an der Akademie der Bildenden Künste in München (2011 Diplom als Meisterschüler) und wurde als bester Absolvent seines Jahrgangs mit dem E.ON Kulturpreis Bayern 2011 ausgezeichnet.
Seit 2015 ist er durch die Galerie Rachel Uffner in New York vertreten und seit 2020 durch die Galerie Knust Kunz in München.  In den Gemälden der letzten Jahre beschäftigt er sich hauptsächlich mit dem Themen Frau und Symbolismus. Motivisch und formal verknüpfen seine Bilder verschiedene Stiltraditionen und Kunsthistorische Epochen von der Romantik bis zur Farbfeldmalerei.
2018 erschien seine erste Monographie „Neue Frauen“ bei Hatje Cantz.

Julian Hurzlmeier (*1980) (alias Julina Babara Rosa) der Mittlere

Er wurde mit dem Down-Syndrom geboren und wohnt in der anthroposophischen Lebensgemeinschaft Höhenberg. Er ist gelernter Bäcker, neuerdings Wachszieher, seit 2010 Mitglied der Bauchtanzgruppe „Orient Express“. Vor etwa 15 Jahren entdeckte er seine - also ihre - mentale, weibliche Identität und nennt sich seither Julina.

Vor allem ist sie aber eine unermüdliche Outsider-Artistin. Ihre favorisierten Motive sind Stars der Popkultur, Comic-Charaktere und Größen der klassischen Musik. CD Cover, Magazin-Fotos, Plakate etc. dienen ihr als Inspirationsquelle. Ihre Bilder sind grotesk und virtuos zugleich. Naiver Pop, gepaart mit Art Brut, farbsatt und fröhlich, mit Herzen und Schriften romantisiert.


August Hurzlmeier (*1953) der Ältere

Er war seit 1970 Schauwerbegestalter, Verlagsgrafiker und Werbeleiter in Regensburg - u. a. im Messebau, in Printmedien, in der Radio- und TV-Werbung, auch als Ausbilder und Prokurist tätig.

Seit 2004 lebt er in München, wo er als gerontopsychiatrische Fachkraft, stellv. Pflegedienstleiter und Ausbilder in der Altenpflege aktiv war. 

Daneben beschäftigte er sich schon immer - und jetzt immer mehr - mit Malerei, Zeichnung und Fotografie - in vielerlei Projekten und auf vielen seiner außergewöhnlichen Reisen um die ganze Welt. Besonders gern und sehr gekonnt verwendet er asiatische und fernöstliche Stilelemente in seinen kontemplativen, großformatig-farbprächtigen Aquarellen und Grafiken.

Rudi Hurzlmeier (*1952) der Älteste

Er ist Cartoonist, Maler, Autor und einer der Mitbegründer und wichtigsten Protagonisten der Komischen Malerei. Nach Schul- und Lehrzeit in Regensburg war er in vielerlei Berufen tätig.

Seit 1985 ist er ständiger Mitarbeiter des Satire Magazins Titanic. Seine Werke wurden in vielen Magazinen publiziert - und in bislang über 40 Büchern. Seine Bilder waren in über 100 Ausstellungen im In- und Ausland zu sehen. Er wurde u. a. mit dem Sondermann Preis der Frankfurter Buchmesse,
dem Göttinger Elch, dem Ernst Hoferichter Preis, dem Pocci Preis und drei mal mit dem Deutschen Karikaturenpreis ausgezeichnet. 




Ausstellung:

The HU Quintett

Die Künstlerdynastie Hurzlmeier - 
Erstmals zu fünft in einer Ausstellung

vom 30. Oktober bis 28. November 2021


Ort:

Ludwigstr. 6 . 93047 Regensburg . www.kunst-und-gewerbeverein.de . Tel. 0941-58160
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag von 1 2:00 bis 18:00 Uhr
Eintritt: 3,- €, ermäßigt 1,50 € (Senioren, Schüler), für Mitglieder frei

Die Eröffnungsveranstaltung fand statt am Freitag, 29. Oktober um 19.00 Uhr.
Begrüßung: Dr. Georg J. Haber, 1. Vorsitzender Kunst- und Gewerbeverein Regensburg e.V.
Einführung: Achim Frenz, Museumsleiter der Caricatura Frankfurt

Nachtrag, 4.12.2021:

Die Ausstellung endete vor ein paar Tagen. Man kann die Bilder derzeit noch auf folgender Seite ansehen: https://www.kunst-und-gewerbeverein.de/programm/id/the-hu-quintett