Regensburger Tagebuch

Notizen von der nördlichsten Stadt Italiens

Mittwoch, 11. Juli 2018

Die fünf Synagogen Regensburgs

Gerade kommt die Meldung des Bayerischen Rundfunks, dass Regensburg im kommenden Jahr die "Judenvertreibung von 1519" zum Jahresthema machen will.

Damals, also 1519,  musste das  am Neupfarrplatz existierende Judenviertel, das dort jahrhundertelang friedlich existierte und international vor allen in Gelehrtenkreisen berühmt war,  aufgrund eines überraschenden Beschlusses innerhalb von zwei Wochen geräumt werden.

Die Gebäude dieses Viertels wurden danach komplett abgerissen. Darunter auch die Synagoge, deren genauen Standort man in den 90er Jahren bei Grabungen entdeckte - es ist dort, wo heute das Boden-Denkmal existiert (der Brunnen wurde dazu eigens nach Westen versetzt).

Der zugehörige Friedhof vor den Toren der Stadt (etwa heutiger Bahnhofspark),  wurde geschändet, die über viertausend Grabsteine wurden meist zerstört, teilweise aber auch von Regensburger Bürgern mit Billigung des Rates entwendet und als sichtbare makabre Trophäe des „Sieges“ über die Juden in Hauswände eingemauert. Heute sind noch ca. 60 dieser „Judensteine“ erhalten; ein paar Beispielfotos sieht man bei Wikipedia

Die gesamte Geschichte ist so schaurig wie interessant. Immerhin waren die hier lebenden Juden von den Bürgern eher geschätzt und wurden sogar gegen Jugendfeinde geschützt. Wie aber dann doch Hassprediger und neidische Geschäftsleute im 15. Jahrhundert einen Stimmungsumschwung erreichen konnten, und welche Standard-Strategien sie dabei verwendeten, ist auch auch für den Nichthistoriker lesenswert.

Letztlich kam es durch den Tod von Kaiser Maximilians I. am 12.1.1519 zu einem Macht-Vakuum, das der Rat der Stadt Regensburg nutzte, um am 21.2.1519 den Beschluss der Räumung zu überbringen.

Der Artikel in Wikipedia über das Judentum in Regensburg bringt leider nur einen guten Überblick, ist aber auch wieder so extrem zusammengefasst, dass viele Details fehlen, die für das Verständnis wichtig wären.


Ich will dieses Thema hier nicht vertiefen (hierzu gibt es mittlerweile gute Bücher und Aufsätze), sondern will die Meldung zum Anlass nehmen, einen schon länger vorbereiteten Artikel freischalten, der die Synagogen in Regensburg betrifft.

Denn so wie 1519 auch die Synagoge mit abgerissen wurde, kam es in der Nazi-Zeit erneut zu einem überraschenden Abriss einer Synagoge, die damals am Brixener Hof war (neben der Kaffee-Rösterei). Dort wird jetzt ein neues Gebäude errichtet, das in 2019 fertig sein wird.


Wenn man aus diesem Anlass über die Geschichte der früheren Synagogen recherchiert, findet man  verwirrendes Material, und kommt irgendwann zu einer überraschenden Entdeckung: es gab vier Synagogen in Regensburg, die fünfte ist im Bau. Und was in Texten als "alte" und "neue" Synagoge bezeichnet wird, hängt davon ab, wann ein Buch oder Aufsatz erschienen ist, was zu Verwechslungen führen kann.




Dieser Artikel hat das Ziel, die Geschichte der Regensburger Synagogen aufzuzeigen und gemeinfreies Anschauungsmaterial zu bündeln.


Von denen gab es nämlich nicht nur zwei frühere, nein auch nicht drei, sondern eigentlich vier, so dass der derzeitige Neubau die fünfte Synagoge darstellt. Dabei gehe ich  davon aus, dass man als Synagogen nicht nur eigenständige Gebäude, sondern auch in normalen Häusern integrierte Gebetsräume als Synagoge bezeichnet.

Synagoge bezeichnet man ein Haus der Versammlung von jüdischen Gemeinden, das dem Gottesdienst und dem Unterricht dient. Das mit dem Unterricht hat übrigens eine enorme Bedeutung, ähnlich wie bei Klöstern war hier ein Ort der Lehre und Gelehrsamkeit, das entgegen Laienansicht weit mehr Wissenschaften betrifft, als nur die Theologie.

Manche Synagogen sind  kunstvolle Bauten, andere unterscheiden sich kaum den Nachbarhäusern, und vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg richteten Juden Synagogen auch in ganz normalen Wohnungen ein.

In Regensburg gab es solche Wohnhaussynagogen schon früher: nach der Vertreibung vom Neupfarrplatz entstand nach 1700 langsam wieder eine größere jüdische Gemeinde, und diese hat ca 1788  im Haus Hinter der Grieb 5 Räume für eine Synagoge angemietet.

Später, 1841, folgten Gebetsräume in der Unteren Bachgasse 5, dann erst folgte die Synagoge am Brixener Hof im Jahre 1912.

Und somit haben wir vier historische Synagogen in Regensburg:
  • ca 1050 bis  1519: Neupfarrplatz im ehemaligen Judenviertel,  zuerst romanische, dann später gotische Synagoge im ehemaligen Judenviertel,
  • ca 1788  (bis vermutlich 1841):  Synagoge im Haus Hinter der Grieb 5
  • 1841 - 1907: "alte Synagoge" Untere Bachgasse 3
  • 1912 - 1938: "neue Synagoge" Am Brixener Hof 2
Und 2019 kommt der aktuelle Neubau, die "ganz neue Synagoge" am Brixener Hof, als fünfte Synagoge hinzu


1. Synagoge

Sie stand im Neupfarrplatz inmitten eines abgeschlossenen Gebäudekomplexes, das sich Judenviertel nannte, und gut 500 Jahre lang existierte - von ca. 1000 bis 1519.

Die Synagoge selbst wurde ungefähr 1050 das erste mal als romanischer Bau errichet, später gab es Umbauten oder Neubauten im gotischen Stil . Sie war wohl kein freistehendes Gebäude; andere Gebäude waren angebaut und so war die Synagoge in das verschachtelten Gebäudekomplex der "Judenstadt"  integriert. Die Synagoge war über Europa hinaus bei Gelehrten bekannt.


Es gibt nur zwei Radierungen von Albrecht Altdorfer, die wahrscheinlich eher dokumentarischen Zweck verfolgten und schon vor langem wissenschaftlich gründlich untersucht wurden. Von außen gibt es kein Bild der Synagoge, was wohl wegen der verschachtelten Architektur nicht sinnvoll oder möglich war - sonst hätte es mit Sicherheit auch hier ein Bild von Altdorfer gegeben. Die Bilder entstanden hastig, in den zwei Wochen zwischen Ratsbeschluss und Zerstörung des Judenviertels.

Das sind diese zwei Bilder von Altdorfer





1. Bild: Vorhalle der Synagoge von Regensburg, findet man u.a. auf zeno.org: Entstehungsjahr:1520–1522, Maße:16,4 × 11,7 cm, Technik:Radierung


2. Bild: Dieses  Bild fand ich bei wikicommons 
Beide Bilder fand ich außerdem auf http://www.oberlin.edu/images/Art335/Art335k.html
http://www2.oberlin.edu/images/Art335/week11-0009.JPG
http://www2.oberlin.edu/images/Art335/week11-0010.JPG

Die Vertreibung der Juden und die Zerstörung des kompletten Judenviertels in den kalten Februartagen 1519 aufgrund eines Ratsbeschlusses war selbst aus damaliger Sicht bemerkenswert brutal - binnen zwei Wochen mussten die Juden den Ort verlassen, der gut 500 Jahre in Regensburg integriert war.

Der einschlägige Abschnitt in Wikipedia (https://de.wikipedia.org/wiki/Judentum_in_Regensburg#Vertreibung_1519) gibt den Ablauf sehr komprimiert wieder, bessere Darstellungen fand ich aber nur in Büchern und Aufsätzen.

Die Grabungen bei der Neugestaltung des Neupfarrplatzes 1995 - 1997 wurde zur Goldgrube für die Denkmalschützer und Historiker, erst hier wurde deutlich, wie das Judenviertel aufgebaut war. Im Internet finden Sie zu diesen Erkenntnissen wenig. Sensationell war das Auffinden der Synagoge, die man bis dahin nur von den Altdorfer-Bildern kannte.

Pläne und Ausgrabungsergebnisse finden Sie aber z.B. im Buch Jüdisches Leben in Regensburg, vom frühen Mittelalter bis 1519, Siegfried Wittmer.

Dort fand ich auf S. 105 eine Rekonstruktion des Judenviertels auf der Basis von A. Schmetzer und S. Codreanu-Windauer. Anhand dieser Zeichnung habe ich eine (nicht ganz maßstabsgetreue) Skizze auf Basis eines google-earth-Screenshots erstellt, damit der Leser eine Ahnung hat, wo das Judenviertel und die Synagoge lag. Den Grundriss habe ich etwas vereinfacht.

(Die Originalskizze will ich aus urheberrechtlichen Gründen nicht abbilden)

Lage des Judenviertels und der Synagoge in der Altstadt von Regensburg


2005 errichtete der israelische Künstler Dani Karavan exakt an der Stelle der 1519 zerstörten mittelalterlichen Synagoge das Misrach-Denkmal, ein Bodenrelief aus weißen Granitblöcken, das den Grundriss und die Fundamente des Bauwerks nachbildet.

Lage der ehemaligen Synagoge. Der Brunnen, der vor 1995 auf dem Platz stand, wurde nach "hinten" versetzt.



2. Synagoge Hinter der Grieb


Die Räume Hinter der Grieb 5 sind vermutlich nach 1760 von der jüdischen Gemeinde angemietet worden; andere Stellen geben lapidar 1788 an. In einem Aufsatz http://www.heimatforschung-regensburg.de/2293/1/1425154_DTL2017.pdf heißt es auf S. 141 "Vermutlich nach 1760 mieteten sich die Reichstagsjuden im Haus "Hinter der Grieb 5" zwei Zimmer offiziell als Synagoge oder - wie man seinerzeit sagte - als "Schul" (m.w.N.; Aufsatz "Ein jüdisches Ritualbad an der Holzländein Regensburg, von Codreanu-Windauer , Dallmeier, Endres, Paulus und Wittmer; Historischer Verein).

Das jetzt neu erschienene Buch "Jüdische Lebenswelten" gibt als vermutlichen Zeitpunkt 1788 an. Ganz genau weiß man das Datum nicht.

Inschriftentafel am Gebäude:
Inschrift: "Dieses spätgotische Haus beherbergte im 18. Jahrhundert eine Synagoge. In ihr wirkte der Philosoph und Frühaufklärer Isaak Alexander 1722-1902 als erster Rabbiner seit der Vertreibung der Juden im Jahre 1519"
Einen "Endzeitpunkt" fand ich bei meiner Recherche nicht. Die Synagoge dürfte aber wohl mit Einweihung der nachfolgend genannten Synagoge in der Bachgasse (also 1841) hinfällig gewesen sein.

3. Synagoge Untere Bachgasse 3 (= Synagoge 1841)

Das Gebäude existiert nicht mehr sondern wurde 1938 durch den flachen Bau ersetzt, etwa dort, wo jetzt der apple-store residiert.

Diese so genannte "alte Synagoge" wurde 1840/41 in dem hierzu umgebauten Turm des mittelalterlichen Patrizierhauses in der Unteren Bachgasse 3 eingerichtet. Die Einweihung der Synagoge war am 2. April 1841.

Das Ende hatte nichts mit Politik zu tun: der "Betrieb" als Synagoge wurde 1907 wegen Einsturzgefahr eingestellt.

Das Gebäude wurde  aber erst 1938 abgerissen, und  es gibt tatsächlich ein Foto von dem Gebäude aus dem Jahre 1938, das man (gemeinfrei) auf wikipedia/wikicommons findet


Der von der jüdischen Gemeinde übernommende Gebäudekomplex in der
Unteren Bachgasse; der rechte Turm wurde zum Gebets- und Schulungsraum
umgebaut.




Es gibt einen historischen Bericht zur Einweihung aus einem Artikel in der " Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 31. Juli 1841 (siehe den ganzen Artikel hier)

Das gesamte Anwesen wurde im Oktober 1938 abgebrochen. Dort ist jetzt der merkwürdig flache, einstöckige Gebäudeteil, in welchem sich u.a. der apple-store befindet.

An die ehemalige Synagoge erinnert seit Anfang 2012 eine durch Privatspende finanzierte Gedenktafel (Quelle: http://www.alemannia-judaica.de/regensburg_synagoge.htm). Sie trägt die Inschrift:

"Ehemalige Synagoge - An dieser Stelle im Turm des gotischen Wollerhauses befand sich von 1841 bis 1907 die Regensburger Synagoge. 1938 wurde das mittelalterliche Anwesen abgerissen".

4. Synagoge (= Synagoge 1912)
 
Diese von den Nazis zerstörte Synagoge existierte von 1912 bis 1938 am Brixener Hof 2 (damals Schäffnerstr. 2). Es war nicht, wie die 2. und 3. Synagoge nur ein Bet-Raum, sondern ein eigenes Gebäude. Auch hier waren die Begleitumstände bei der Zerstörung 1938 erschütternd.
Diese Synagoge wurde bisher (also vor dem gegenwärtigen Neubau-Projekt) in der Fachliteratur als "Neue Synagoge" bezeichnet, und es gibt auch einen Wikipedia-Eintrag mit genau dieser Benennung: "Neue Synagoge Regensburg 1912": https://de.wikipedia.org/wiki/Neue_Synagoge_(Regensburg_1912)
Damit werden sich noch viele Verwechslungen für Recherchierende ergeben, denn die Medien liest man schon seit eingier Zeit von der "neuen" Synagoge. Wie soll man diesen Neubau denn auch anders bezeichnen. Wenn man sie als "ganz ganz neue Synagoge" bezeichnet, würde das die Leser verwirren. Umgekehrt gibt die Bezeichnung des Vorgängerbaus am Brixener Hof als "neue Synagoge" keinen Sinn mehr - eher empfiehlt sich die gelegentlich verwendete Bezeichnung "Synagoge 1912"

Mehr Informationen zur Geschichte der Synagoge 1912 findet der Leser im genannten Wikipedia-Eintrag.







Grundriss der Regensburger Synagoge, 1912
quelle: wikicommons




Es gibt eine sehr interessante Video-Visualisierung dieser Synagoge, erstellt von  Studierenden und Mitarbeitern der Hochschule Regensburg, Fakultät Architektur, auf der Basis von Plänen und alten Fotos.





Zugehörige Info-Seite auf OTH: https://www.oth-regensburg.de/index.php?id=2920



5. Synagoge

Mit der fünften Synagoge meine ich den aktuellen Neubau am Brixener Hof, und je nach dem, wann der Leser diesen Artikel liest, steht dieser entweder  vor der Einweihung (geplant für Februar 2019) oder ist vielleicht schon längst in Benutzung. Richtfest war im Oktober 2017.  Eigentlich ist auch hier die Begriffsverwendung missverständlich. Der eigentliche Gebetsraum existierte die ganze Zeit im angrenzenden Gebäude und wurde von den Nazis nicht abgerissen. Unter Synagoge versteht man also das gesamte Gemeinschafts- und Versammlungshaus, das weit mehr Funktionen hat.


Die Entwürfe bzw. Visualisierungen dieser neuen Synagoge entnehmen Sie bitte folgenden Links (ich will sie aus urheberrechtlichen Gründen nicht selbst verwenden):

Siehe:



Allgemeine Recherche-Quellen im Internet

Ganz gute Informationen findet man hier: http://www.alemannia-judaica.de/regensburg_synagoge.htm

(sehr versteckt, also über die Navigation dort kaum auffindbar; nämlich im "Bereich Bayern - Unterbereich Oberpfalz")


und hier http://reinis-welten.de/regensburg/diejuedischegemeindeinregensburg/diejuedischegemeindeimmittelalter/index.html


ferner

https://de.wikipedia.org/wiki/Judentum_in_Regensburg

https://de.wikipedia.org/wiki/Neue_Synagoge_(Regensburg_1912)

Auf den offiziellen Seiten von www.regensburg.de findet man kaum etwas.

Die Erkenntnisse von Denkmalpflegern und Historikern bei den Arbeiten am Neupfarrplatz sind über Fachaufsätze und Bücher verteilt (z.B. die Reihe "Denkmalpflege in Regensburg"). Material im Internet findet man nicht so leicht. Schon gar nicht Lagepläne, Skizzen oder ähnliches.

Das ganz gut lesbare Buch  "Jüdisches Leben in Regensburg, vom frühen Mittelalter bis 1519" von  Siegfried Wittmer hatte ich schon erwähnt.

Ich habe auch einen Blick in das 2018  neu erschienene Buch von Klaus Himmelstein (Herausgeber), Jüdische Lebenswelten in Regensburg, geworfen. Das ist zwar kein systematisches Buch, sondern eine Sammlung von Beiträgen verschiedener Autoren, enthält aber interessantes Material und ist trotz der wissenschaftlichen Schreibeweise und der extremen Detail-Fülle für einen Interessierten durchaus spannend zu lesen.