Regensburger Tagebuch

Notizen von der nördlichsten Stadt Italiens

Dienstag, 11. Oktober 2016

Zeitreise in das Jahr 1807 - Regensburger Plan von Mayr

Regensburg im Jahre 1807 - die Stadt befand sich noch innerhalb seiner Stadtmauern, obwohl es 1803 seinen Status als freie Reichsstadt verloren hatte und ein Fürstentum geworden war. Aber es sollte noch zwei Jahre dauern, bis Napoleon 1809 die Stadt bombardiert und Regensburg kurz danach (1810) Teil von Bayern werden würde, so dass sich die Bürger endlich nach außen hin ausbreiten können.

Denn Jahrhundertelang war Regensburg innerhalb seiner engen Stadtmauern gefangen. Der Nachteil eines "Stadtstaates", bzw. wie man damals sagte, einer "freien Reichsstadt".

Es gibt einen Plan von Mayr aus dieser Zwischenzeit von 1803 bis 1810, und es ist spannend, die vertrauten Winkel von Regensburg aus diesem Blickwinkel zu sehen.

Da war außerhalb des Jakobstors noch keine Bebauung -  nur der Schießplatz und die Reste der Richtstätte waren da, die Prüfeningerstraße ging durchs Grüne. Eine Maximilianstraße gab es noch nicht, da Napoleon dieses Gebiet noch nicht bombardiert hatte. Dementsprechend auch keinen Ausgang in der Stadtmauer an der Stelle, wo es heute zum Bahnhof geht. Den wiederum gab es natürlich auch noch nicht, die Bahn eroberte erst in den 1870er Jahren unser Land.

Seht euch mal um. Als ich vor einiger Zeit eine hochauflösende (aber nicht zoombare) Version dieses seltenen Plans von Mayr entdeckte, machte ich Screenshots von den einzelnen Teilen und speicherte sie als eigene Bilder ab. So könnt ihr bequem durch das Regensburg in 1807 spazieren.





Die Stadtmauer- und Stadtgrabenecke zwischen der heutigen (damals nicht existierenden) Martin-Luther-Straße und der heutigen (damals auch nicht existierenden) Maximilianstraße. Kein Finanzamt, nur Felder, durch diedie  Landshuter Straße und die Luitpoldstraße gingen. Dort, wo der rote Punkt  Keplers Monument zeigt, geht heute die Maximilianstraße zum Bahnhof; das Keplerdenkmal wurde etwas nach rechts versetzt, als man die Bahnhofs-Allee schuf. Die kleine rote Kirche am "neuen Katholischen Gottesacker" ist das Peterskirchlein zwischen Bahnhof und heutiger Andreasstraße. Das rote dreiflüglige Haus in dem Park (heutiger Schlosspark) war das deutschlandweit bekannte Haus des Gelehrten Sternberg, das heute nicht mehr existiert.

Wenn ihr euch google-earth daneben legen wollt, dann dreht am Kompass, damit Norden unten ist, und Süden oben:




Die Kloster-Anlage von St. Emmeram, seit kursten kein Kloster mehr, in Kürze (1810) zum Fürstlichen Schloß von Thurn und Taxis mutierend. Die Waffnergasse rechts daneben endet in einer Sackgass. Erst später wurde hier nach rechts ein Durchbruch geschaffen - das Helenentor, das über die Helenenbrücke (über den Graben) und die Helenenstraße (vorbei am späteren Englischen Fräuleingebäude) zur heutigen Kumpfmühler Straße ging. Die Kumpfmühler Straße gab es damals auch nicht. Und die rosa Flächen: links das Mittelmünster, das damals noch existierte und 2 Jahre später zerstört wurde, und rechts das Obermünster, das im zweiten Weltkrieg weitgehend zerstört wurde.




Das Gebiet um das Ostentor.

Die Altstadt. Bedenkt, dass die Karte gesüdet ist, also Süden ist oben. Die Karte ist "verkehrt herum". Der Neupfarrplatz wurde in den 70er Jahren "bereinigt", also jede Menge Häuser abgerissen und ein Kaufhaus gebaut. Hier seht ihr noch den alten Grundriss, den manche von uns sogar noch in Erinnerung haben.



Die Jahninsel ging damals noch nicht durch. Oberer Wöhrd und unterer Wöhrd waren stärker getrennt. Unten in Blau der Ort "Stadt am Hof", damals und noch hundert Jahre länger ein eigener Ort und nicht Teil von Regensburg - außer das Katharinenspital. Das gehörte rechtlich stets zu Regensburg, und es gab eine kleine Tür zwischen Brücke und Spitalgelände, so dass man nicht den Grenz-Schlagbaum passieren musste, um ins Spital zu gelangen.  Statt am Hof wurde zwei Jahre später beim Kampf Napoleon gegen Franzosen gewaltig beschädigt - die Grundrisse weichen deshalb stellenweise ab (vor allem ganz unten am Rand)

In Rot der Untere Wöhrd, in blau das Stadt am Hof und Grieser Spitz.





Die linke Brücke ist die Eiserne Brücke. Wie ihr seht: das Gebiet um Donaumarkt und um das spätere Kolpingshaus sah damals ganz anders aus. Aber hier war nicht Napoleon (1809) schuld, sondern der zweite Weltkrieg und die allgemeine Stadtentwicklung.

Übrigens: auf der Karte ist der Alleengürtel erkennbar, den Karl Anselm von Thurn und Taxis im Jahre 1779 auf seine Kosten errichten ließ und der Stadt schenkte. Dabei wurden die Stadtgräben und Verteidigungsanlagen außerhalb der Stadtmauer beseitigt und stattdessen Bäume gepflanzt.



Epilog:

Diese Karte fand ich in den letzten acht Jahren meiner historischen Regensburg-Recherchen erst sehr spät und war eine riesige Überraschung für mich. Eigentlich, dachte ich, gibt es erst nach 1810 Vermessungen und exakte Pläne, im Auftrag der bayerischen Regierung, die die neu-erworbene Stadt Regensburg natürlich vermessen musste. So hatte ich nicht erwartet, eine vermessungsähnliche Karte aus der Zeit davor zu finden (außer der anonym geschaffenen aus dem Jahre 1700 stammenden Karte, die als codicon 400 registriert ist)

Bis ich vor Jahren erstmals diese Karte entdeckte.

Aber erst mit dem kürzlichen Fund einer hochauflösenden Version kann ich mit dieser Karte vernünftig "arbeiten". Wenn ich bei der Suche nach geschichtlichen Ereignissen (z.B. die Beschädigung durch Napoleon 1809) den unterschied zwischen Regensburg vor dem Ereignis und dem Regensburg nach dem Ereignis herausfindne will, hilft mir diese Karte sehr.