Regensburger Tagebuch

Notizen von der nördlichsten Stadt Italiens

Sonntag, 7. April 2019

Stadtlagerhaus - Kreativquartier in ungemütlicher Umgebungr?


Gemäß dem MZ-Artikel vom 30.03.2019 überlegt die Stadt Regensburg, das Stadtlagerhaus im Westhafen für die Kreativszene zur Verfügung zu stellen. In sechs Stockwerken gäbe es dann Studios, Ateliers, Büros, Probenräume und Aufnahmestudios, Hochschullabore und Werkstätten. Das würde dann aber fünf bis sechs Jahre dauern.


google-earth-3D-Ansicht vom Stadtlagerhaus im Westhafen


Das Gebäude ist denkmalgeschützt; gebaut 1910 und 1911 in einer Spielart des Jugenstils. Die Kreativszene hält die Idee grundsätzlich für interessant, heißt es in dem Artikel. Die Funktion des Stadtlagerhauses als Silogebäude (unter der Leitung der Stadtwerke, also nicht des Bayerhafens) wurde Ende 2018 aufgegeben (siehe Link zur Zeitungsmeldung am Ende des Beitrags)


Das Projekt klingt für mich gut. Das Gebäude könnte wirklich geeignet sein. Ich freue mich schon auf Führungen, die laut Internet angeboten werden. Vom Schlachthaus her weiß ich, dass man um 1900 herum auch die rein kommerziellen Anlagen schmuckvoll im Jugendstil erstellt hat. Schade, dass man den Schlachthofzentralbau nicht für solche Sachen zur Verfügung stellte.

Ungemütliche Umgebung?

Allerdings sehe ich da ein anderes Problem: werden Kreative und Besucher sich in der Gegend wohlfühlen? Ein Spaziergang in der Gegend kann zu unangenehmen Szenen mit der Security führen. Zumindest wird man ständig beobachtet. Und wo genau man gehen darf, und wo nicht, ist nicht erkennbar.

Dass die Firma "Bayernhafen" die Duldung des Geländes für Spaziergänger seit letztem Jahr nicht mehr erlaubt und dass  Security-Kräfte sehr streng walten, war schon mal eine Zeitungsmeldung wert, und ich hatte auch darüber berichtet. Mittlerweile habe ich noch negativere Erfahrungen, die systembedingt sind, und auf die ich nachfolgend eingehen möchte.




Der Hintergrund für die Änderung der Bayernhafen-Politik hatte ich in dem Artikel Ufergebiet des Westhafens jetzt tabu im April 2018 geschildert. Die Delikte im Bereich des Hafens hatten so zugenommen, dass die Firma Bayernhafen die Duldung von Spaziergängern auf bestimmten Geländeteilen nicht mehr zuließ.  Auch ich kann mit Yorki nicht mehr an der Donau spazieren, was ich akzeptiere. Es war nicht so, dass man dort als Spaziergänger unangenehmen Situationen ausgesetzt war, eher so, dass dort vandaliert, gedealt und Drogen konsumiert wurden. Verständlich, dass die Firma Bayernhafen hier einen Schlussstrich setzte.

Wie die Security auftritt, kommt nicht immer gut an (ich hörte im privaten Bereich die Story von einer älteren Dame, die mit ihrem Hund vom Hafengelände kam und Tränen in den Augen hatte, weil sie sich rüde von der Security behandelt fühlte). Aber es ist auch dann schon unangenehm, wenn man ganz sachlich vom Gelände verwiesen wird.

Das Problem ist, dass mangels klarer Detailregelungen das ganze Gebiet zur Ermahungsfalle wird. Deshalb mag ich im Moment nicht mal hinfahren, um Fotos vom Haus zu machen - ich weiß, ich werde beobachtet, und ich weiß, beim unbedachten Schritt auf falsches Gelände taucht die Security auf.

Ich will das näher erklären:

Im Januar fuhr ich an einem Sonntag  am Hafenbecken vorbei um zu sehen, was sich Neues entwickelt hat. Tatsächlich sah ich einen Neubau an der Ecke des Hafenbeckens, und  das dort stehende Krandenkmal war lustig mit einem Weihnachtsbaum geschmückt. Ich wollte mir das ansehen und kurz mal die Sonne genießen.

 Da auf den Straßen absolutes Halteverbot ist, hielt ich auf dem leeren Parkplatz (es war Sonntag) an der Ecke (dem Stadtlagerhaus gegenüber) und ging zu der Mini-Grünanlage am westlichen Hafenbeckenrand. Ich sah mich um, machte Fotos vom christbaumgeschmückten Kran, sah nichts Neues beim Stadtlagerhausgelände, genoss kurz die Sonne und ging dann zurück. Ein paar Meter weiter telefonierte die ganze Zeit ein junger Mann auf einer Parkbank. Gegenüber kam ein Auto der Security aus einem Grundstück und blieb merkwürdigerweise längere Zeit an der Ausfahrt stehen. Als der junge Mann nach dem Telefonat runter Richtung Donau ging, fuhr das Security-Auto mit quietschenden Reifen und wild hupend los. Der spazierende Typ warf beschwichtigend die Arme hoch und drehte ab, benutzte also nicht die Einfahrt zum Ufergelände. Er kannte offenbar das Spiel schon.

Ich hatte das Ganze nur halbbewusst wahr genommen und stieg in mein Auto, um loszufahren. Der Witz kommt jetzt: der Security-Typ fuhr zu mir, ließ mich anhalten und das Fenster öffnen und eröffnete mir, dass ich mich "illegal auf einem fremden Gelände aufhalte". Ich erwiderte, das wusste ich nicht und fragte, ob das Nutzungsverbot jetzt für das ganze Hafengelände gelte. Nein, man könne durchfahren, aber die Benutzung von Parkplätzen und anderen Betriebsgeländen sei für Dritte verboten. Aha.

Offenbar gilt die Benutzungserlaubnis auch für die kleine Grünanlage am Ende des Hafenbeckens. Oder doch nicht? Ich weiß es nicht, denn diese Abgrenzungen sind nirgends erkennbar.

Ich weiß auch nicht, ob ich eine Ermahnung bekomme, wenn ich zum leerstehenden Stadtlagerhaus fahre und dort auf dem freien Platz neben dem Haus parke, um Fotos vom denkmalgeschützten Gebäude zu machen. Vielleicht ist es erlaubt, vielleicht ist der Teil von der Stadt (Stadtwerke) gemietet und wird nicht von der Bayernhafen-Security überwacht, vielleicht ist das der Security egal, weil sie alle Geländeteile zu überwachen hat. Kein Mensch kann das erkennen. Ich werde es jedenfalls nicht darauf ankommen lassen.

Außerdem ist es einfach nicht angenehm, wenn man weiß, dass man streng beobachtet wird.



Westhafen, Blick nach Süden.


Ob sich an diesem Problematik etwas ändern wird, wenn das Stadtlagerhaus für dieKreativszene freigegeben ist? Ich habe da so meine Zweifel.


Statt Fotos vom Haus für diesen Artikel zu schießen,  bin ich lieber mein Archiv der letzten 10 Jahre durchgegangen, um alte Fotos vom Stadtlagerhaus herauszukramen. Davon hatte ich doch so einige gefunden. Angefangen von dem traumhaft schönen Hafenfest im Jahre 2010, wo ich das erste mal den Reiz des gesamten Gebiets erkannte und später noch oft mit Fahrrad oder mit Yorki erkundete. Damals stellte übrigens gerade der Künstler Stefan Bircheneder in einem nicht mehr benutzten Anbau des Stadtlagerhauses seine Bilder aus (https://www.regensburger-tagebuch.de/2010/07/bilder-ausstellung-von-bircheneder-im.html), ein schönes Beispiel für Leerraumnutzung.

Hafenfest 2010
Das denkmalgeschützte Stadtlagerhaus, vom Auweg aus fotografiert

https://www.regensburger-tagebuch.de/2010/07/bilder-ausstellung-von-bircheneder-im.html
Damals noch mit einem kleinen Anbau, der später abgerissen wurde

Hier ist der Anbau, in welcher Stefan Bircheneder im Jahre 2010 eine Ausstellung hatte,
abgerissen. Man sieht noch die Silhouette

Und vor ein paar Jahren wurden sowohl Gebäudefassade als auch Außengelände saniert

Das Stadtlagerhaus von Norden

Stadtlagerhaus von Nordwesten aus gesehen

Südseite des Stadtlagerhauses

Stadtlagerhaus von Ost nach West gesehen

Stadtlagerhaus, vom Auweg aus fotografiert


Stadtlagerhaus, vom Auweg aus fotografiert






Stadtlagerhaus als Kulisse beim öffentlichen Hafenfest, 2010



Das waren noch schöne Zeiten mit wunderbarer Atmosphäre: Hafenfest 2010
Die vielen schönen Bilder vom Hafenfest 2010 hatte ich mal als Dia-Show veröffentlicht, dann musste ich diesen Artikel wegen der technischen Entwicklung bei google-Fotoalben löschen.
Wenn ich Zeit habe, werde ich ersatzweise einen normalen Artikel schreiben und die Bilder rückdatiert bei 2010 einstellen. Denn eigentlich war das eine meiner schönsten Bildersessions.


Links:

MZ 30.03.2019 - Ein Hafen für die Kreativen:
https://www.mittelbayerische.de/region/regensburg-stadt-nachrichten/das-stadtlagerhaus-macht-dicht-21179-art1715958.html

Offenbar gibt es Führungen durch das Haus:
https://www.schoene-toechter.info/veranstaltungsorte/historisches-stadtlagerhaus/